Frau
Dr. Sibylle Ott
c/o Zentrale Tierversuchsanlage der Uni Ulm
Oberberghof

89081 Ulm

Neu-Ulm, den 16. Juni 1996

Sehr geehrte Frau Dr. Ott,

zu der Schrift von Prof. Jilge "Forschung mit den Versuchstieren. Behauptungen und Richtigstellungen", die ich von Ihnen bei der Eröffnung der Ausstellung gegen Tierversuche im Ulmer Stadthaus am 24. April '96 bekam, möchte ich als überzeugter Tierversuchsgegner Punkt für Punkt Stellung nehmen:


Behauptung 1: Die Forschung mit dem Versuchstier trug und trägt nichts zum Erhalt bzw. der Wiederherstellung der menschlichen Gesundheit bei.

In dieser kategorischen Form wird dies von seriösen Tierversuchsgegnern nicht behauptet. Zu behaupten, daß Tierversuche überhaupt nichts bringen, ist ebenso falsch, wie die von manchen Tierexperimentatoren aufgestellte These, daß es ohne Tierversuche keinen medizinischen Fortschritt geben würde. Von uns wird vielmehr neben moralischen Gründen angeführt, daß Tierversuche keine Sicherheit für den Menschen bringen. Uns geht es dabei darum, daß eine u.E. nur bedingt taugliche Forschungsmethode durch eine bessere ersetzt wird.


Behauptung 2: Die Forschung mit dem Versuchstier hat Fortschritte zur Lösung menschlicher Gesundheitsprobleme verzögert.

O ja! Albert Sabin, der Entwickler der Schluckimpfung gegen Kinderlähmung gab 1984 Verzögerungen durch falsche Annahmen über Poliomyelitis des Menschen aufgrund irreführender Affenversuche zu. Was war geschehen? Durch die Vielzahl von Durchgängen durch Affen, hervorgerufen durch experimentierwütige Wissenschaftler, hatte sich der Virus verändert, so daß man zunächst einen Impfstoff gegen einen in der Natur gar nicht vorkommenden Virus entwickelt hat. Außerdem verhält sich der Polio-Virus bei Affen nicht ganz so wie bei Menschen. Natürlich ist dies nur ein Beispiel von dem man behaupten kann, es sei nicht typisch. Mir ist es aber ein sehr wichtiges, weil ich selbst 1953 an Kinderlähmung erkrankt bin und weil ich zu denen gehöre, die noch nicht geimpft worden sind, weil die Wissenschaft erst aus einer Sackgasse herausfinden mußte, in die sie aufgrund von Tierversuchen geraten war. Meine Krankheit ist ein eindeutiges Beispiel dafür, daß nicht alles stimmt, was in Ihrem Heftchen geschrieben ist. Ich bin übrigens nicht deswegen Tierversuchsgegner geworden, ich war es schon, als ich von dieser Geschichte erfuhr. Sie hat mich aber natürlich bestärkt in meiner Meinung.


Behauptung 3: Der gesamte medizinische Fortschritt resultiert aus der Forschung am Menschen, nicht am Tier.

In der Tat erfolgt die Endvalidierung für den Menschen am Menschen. Definiert man als Fortschritt einer Wissenschaft, das was sie als gesichertes Wissen und nicht das was sie an Vermutungen produziert, so resultiert der humanmedizinische Fortschritt ausschließlich aus der Forschung am Menschen.

Nicht ohne Grund laufen unter dem Stichwort "Bioethic" weltweit Bestrebungen, auch an nicht einwilligungsfähigen Menschen herumzuexperimentieren zu dürfen, und zwar von Forschern, die heute Tierversuche machen.


Behauptung 4: Sehr viele Arzneimittel, die sich beim Tier als sicher erwiesen hatten, schaden dem Menschen.

Nach Informationen, die ich habe, liegt die Fehlerrate hinsichtlich der exakten Vorhersage von Nebenwirkungen bei 30 % und kann damit eher mit der Wettervorhersage verglichen werden. Aber auch eine Fehlerrate von 3 % wäre zu hoch, wenn eine von praktisch 0% zu fordern ist.


Behauptung 5: Forschung mit dem Versuchstier ist Verschwendung: es werden unnötige Wiederholungen durchgeführt.

Ich denke, im Bereich der tierexperimentellen Arbeiten werden an Universitäten ebenso viele Wiederholungen wie auf anderen Gebieten gemacht. Es ist auch angesichts des großen Umfangs der Forschung kaum zu vermeiden und doch erfüllt es mich mit Ärger, daß offensichtlich nicht wesentlich mehr zur Vermeidung von Wiederholungen von Tierversuchen gemacht wird, wo doch diese in den allermeisten Fällen mit Krankheit und Leiden der Tiere verbunden sind.


Behauptung 6: "Alternativmethoden" = Zellkulturen (in-vitro-Versuche) und Computersimulation können die Forschung mit dem Versuchstier vollständig ersetzen.

Eine vollständig tierversuchsfreie medizinische Forschung würde gewiß anders aussehen als die heutige. Uns Tierversuchsgegner geht es, wie gesagt, auch darum, eine mit Mängeln behaftete Forschungsmethode durch eine bessere zu ersetzen. Es ist meine feste Überzeugung, daß es heutzutage für alle Forscher ausreichend tierversuchsfreie Forschungsansätze gibt, um den heutigen medizinischen Fortschritt aufrecht zu erhalten. Es kann darüber hinaus nicht ausgeschlossen werden, daß dieser sich sogar beschleunigen würde. Mit Sicherheit falsch ist, wie ebenfalls gesagt, die Behauptung, ohne Tierversuche gäbe es keinen medizinischen Fortschritt.


Behauptung 7: Wissenschaftler wollen "Alternativen" nicht nutzen, da sie mit der Verwendung von Versuchstieren Geld verdienen.

Die Gründe für die Verwendung von Versuchstieren statt der Hinzuziehung von Alternativmethoden sind sicher vielfältig und nicht immer rein wissenschaftlich begründet. Ich denke, daß es beispielsweise an der Tradition eines Instituts liegen kann, ob eine bestimmte Fragestellung so oder so verfolgt wird. Ein Doktorand wird (aus seiner Sicht sinnvollerweise) sich nicht im völligen Gegensatz zu seinem Doktorvater stellen und tunlichst die Forschungsmethode anwenden, die dieser vorschlägt. Das garantiert ihm in den meisten Fällen einen schnelleren Abschluß seiner Promotion. So ist Eigeninteresse sicherlich durchaus im Spiel.


Behauptung 8: Es gibt keine (ausreichende) gesetzliche Grundlage für den Einsatz von Versuchstieren zu wissenschaftlichen Zwecken.

Dies scheint mir eine reine Zweckbehauptung zu sein, die nur dazu aufgestellt worden ist, um ihr widersprechen zu können. Es gibt (leider) sehr wohl eine ausreichende gesetzliche Grundlage für Tierversuche. Die gesetzliche Grundlage für die Durchführung von Tierversuchen bildet das GG und dann natürlich auch das TSchG. Woran es leider fehlt, ist an einer ausreichenden (!) gesetzlichen Grundlage zur Einschränkung von Tierversuchen (Stichwort: Prof. Grüsser aus Berlin). Daher haben wir versucht, den Tierschutz im GG zu verankern, und tun dies immer noch.


Behauptung 9: Die Pflege der Versuchstiere wird vernachlässigt; Tiere werden missbraucht und ohne Grund gequält.

Sicherlich ist diese Behauptung als generelle Aussage ebenso falsch wie die gegenteilige. Ich habe im Fernsehen Bilder von einer Affenstation eines deutschen(!) Pharmaherstellers gesehen und ich kann als Laie schon sagen, daß die armen Tiere dort nicht in einer optimalen, tiergerechten Umwelt "leben", sondern vielmehr miserabel gehalten werden. Davon abgesehen, starben für jeden dieser Affen, sofern er aus dem Urwald stammt, ca. 9 andere bei Fang und Transport.

Grundlagenforschung ist dann gegeben, wenn ein Wissenschaftler keinen Grund (als seine Neugier) für seine Tätigkeit angeben kann. Wenn belastende Tierversuche dabei gemacht werden, dann ist das nach meiner Überzeugung eine grundlose Tierquälerei.


Behauptung 10: Immer wieder kommen Haustiere abhanden: Tierversuche werden mit gefangenen, gestohlenen ehemaligen Haustieren durchgeführt.

Haustiere kommen aus vielen Gründen abhanden, wovon einer (immer noch) ihre Verwendung im Tierversuch ist. Ich denke, durch die Aktivitäten der Tierversuchsgegner, die die Öffentlichkeit sensibilisiert haben (aber auch durch die Aktivität der Tierschutzbeauftragten) nimmt der Anteil gestohlener Tiere ab.

Ich würde mich nicht trauen, die Verwendung von Tieren dubiosen Ursprungs durch die Uni Ulm so kategorisch abzustreiten. Schließlich fand sich, soweit ich mich erinnern kann, vor Jahren auch eine Adresse aus dem Bereich der Ulmer Uni im Adreßbuch eines überführten Tier-Hehlers. Kein Beweis, aber doch ein Hinweis....

Ich würde mich freuen, wenn wir uns, ggfls. mit ein paar anderen von Ihrer und meiner Seite, zu einen grundsätzlichen Gespräch zu der hier umrissenen Problematik treffen würden. Meine Tel.- und Fax-Nummer ersehen Sie aus dem Briefkopf.

Mit freundlichen Grüßen

(gez. Dr. Pedro de la Fuente)