Schafe an Bord der Cormo Express - eine nationale Schande für Australien
|
| Bild: Andrew Dyson |
Der australische Frachter Cormo Express steht im Mittelpunkt eines neuen Skandals, der unvermittelt an das Schicksal der afghanischen Flüchtlinge erinnert, die an Bord des norwegischen Frachters "Tampa" vergeblich Asyl in Australien suchten. Über 50.000 australische Schafe, die bereits Anfang August (!) an Bord verfrachtet wurden, können nun an ihrem Zielort Saudi-Arabien nicht an Land gehen. Stattdessen suchen die Verantwortlichen nach einem anderem Land, der die malträtierten Tiere abnimmt, notfalls auch kostenlos.
Das grausame Schicksal der Tiere nun bereits sieben Woche auf dem Frachter, anstatt "nur" zwei Wochen hat eine neue Diskussion über Australiens Milliarden-Dollar-schwere Lebendtierexportindustrie angestoßen, die regelmäßig tausendfachen Tod und unsägliche Qualen verursacht, was auf dem Festland nicht toleriert würde.
Und was sagt der australische Landwirtschaftsminister Warren Truss dazu?
Dieser beeilt sich, einen zum Frachter gehörenden Veterinär zu zitieren, der aussagte, dass die Schafe - abgesehen von den 3800 bereits verendeten Tieren an Gewicht zugenommen hätten. "Das klingt ja fast so, als genössen die Tiere eine Art Mittelmeer-Kreuzfahrt", so RSPCA-Präsident Hugh Wirth. Die Tiere können schwerer geworden sein, aber bestimmt nicht, weil sie sich wohlfühlen oder in angemessenen Bedingungen leben.
Die australische Regierung weigerte sich gar, den Standort des Schiffes mitzuteilen bis die Presse es schließlich in der Nähe von Dubai wieder lokalisierte mit der Begründung, entsprechende Medienberichte trügen nicht gerade dazu bei, ein Land zu finden, das die Tiere bereitwillig abnimmt.
Auch zu Todeszahlen wurde die Auskunft verweigert, aus Sorge, täglich neue Todesreports abgeben zu müssen. Die Herausgabe von Zahlen wurde daher kurzerhand dem Eigentümer des Frachters überlassen.
Landwirtschaftsminister Truss ging sogar so weit, seinerseits eine "gefühllose Berichterstattung zu diesem Thema" zu kritisieren. "Dass Kommentatoren, Reporter oder Tierrechtler die Situation in einer Weise öffentlich ausmalen, die dazu beiträgt, das Vertrauen der potenziellen Käufer zu untergraben, dient nicht dem Wohlergehen der Schafe."
Meint er das ernst? Hat er wirklich dafür geworben, dass wiedermal ein grausamer Skandal in der Lebendtierexportindustrie vertuscht werden soll?
Es ist keineswegs so, dass es hier um einen Einzelfall geht, wie ein kurzer Blick in den vom Landwirtschaftministerium in Auftrag gegebenen unabhängigen Bericht zum Tierhandel vom Oktober 2002 zeigt.
Truss hatte die unabhängige Beratergruppe - die bereits vor über zwei Jahren weit strengere Vorschriften empfohlen hatte - nach einer Flut von Vorfällen zu Rate gezogen.
Bei den sieben Transporten des letzten Jahres davon sechs in den Nahen Osten - gab es die folgenden Todeszahlen: Februar, Frachter Norvantes (Zielort Jakarta): 99 Rinder (8,5 %); Juni, Frachter Becrux: 880 Rinder (44 %) und 1418 Schafe (2 %); Juli, Frachter Corriedale Express: 6119 Schafe (11 %); Juli, Frachter Al Messilah: 2173 Schafe (3 %); Juli, Frachter Al Shuwaikh: 5800 Schafe (7 %); Juli, Cormo Express: 1064 (2 %); und September, Al Shuwaikh: 2304 Schafe (4 %).
Die Beratergruppe wertete dies als "deutliches Zeichen dafür, dass es sich um systematische Versäumnisse im gesamten Lebentierexport-Programm handelt". Es wurde speziell auf Frachter aus Portland hingewiesen, wo die Versorgung der Tiere zum Transport besonders schlecht sei.
Weiterhin wurde festgestellt, dass trotz einiger Reformen seit dem letzten Bericht der Gruppe vom Februar 2000, weder Industrie noch Politik für die notwendige "Reform in den Köpfen" bereit waren. Mit anderen Worten, die Sache wurde erheblich schleifen gelassen. Bei Ankunft der Schafe, monierten die saudi-arabischen Behörden, dass eine Maulseuche unter den Tieren (gegen die Schafe inzwischen doppelt geimpft werden) über der zugelassenen Grenze liege was der australische zuständige Veterinär jedoch zurückwies.
So sehr sich der Verdacht eines politischen Motivs aufdrängen mag darauf gibt es keinen Hinweis. Die Saudis lehnen öfter Schiffsladungen ab. Der Export von lebenden Schafen war erst im Jahr 2000 nach über 10 Jahren Sperre durch Australien wieder aufgenommen worden; diese wurde damals aufgrund der aus hygienischen Gründen vorgekommenden Ablehnungen verhängt wurden.
Die größte Besorgnis auf Seiten der australischen Regierung ist, dass durch zu viel Hickhack um diese Schafe der gesamte Handel beeinträchtigt werden könnte. Diese Industrie bringt Australien durch den Export nach Saudi-Arabien $200 Millionen. Die Gefahr einer verheerenden Rückwirkung hat die Regierung dazu veranlasst, auf eigene Faust verzweifelt nach einem Abnehmer zu suchen, obwohl die Schafe ja nun eigentlich einen saudischen Eigentümer haben und somit keine australischen Schafe mehr sind, sondern eher saudi-arabische Flüchtlinge.
Inzwischen wurden weitere Exporte nach Saudi-Arabien ausgesetzt, bis die Sache geregelt ist. Noch mehr ziellos umhertreibende Frachter könnte sich die Regierung einfach nicht leisten.
Die Situation wirft zwei Fragen auf: Was soll mit den Tieren geschehen? Und, ist dieser Handel zu unmenschlich, um fortgesetzt zu werden?
Laut Wirth wird die Regierung wohl keinen Abnehmer für die Schafe finden, und da es nicht in Frage kommt, die Tiere wieder zurück zu transportieren, sollten sie besser nach und nach getötet werden.
Hingegen kommentierte die Australian Veterinary Association gestern in einer ziemlich bedrückenden Pressemitteilung, dass eine solche Massenschlachtung "eine Katastrophe für Tierschutz und Umwelt" wäre. "Es wird tausende Liter Blut geben", so die Organisation. Außerdem hätten die Tierrechtsgruppen "nicht berücksichtigt, dass die Tiere die Schlachtung miterleben müssten; auch wurde die Unzumutbarkeit für die Menschen, die die Schlachtung durchführen müssten, nicht berücksichtigt".
Sowohl Regierung als auch Industrie argumentieren gegen eine Tötung der Tiere, noch immer in der Hoffnung, noch einen Abnehmer zu finden. Die Regierung will die Tiere nicht zurückholen, aufgrund der Länge der Strecke und wegen Quarantäne-Problemen; die Eigentümergesellschaft des Frachters hat die Möglichkeit eines Rücktransports nach Fremantle geprüft, würde jedoch eine Abladung vor Ort deutlich bevorzugen.
Australiens Grünen-Parteichef, der Senator Bob Brown, forderte gestern die sofortige Zurückholung des Frachters, und meinte, für die Quarantäne-Frage ist allein der Landwirtschaftsminister verantwortlich. Währenddessen bemühen sich die australischen Behörden um eine Fortführung der Verhandlungen mit Pakistan, obwohl diese die Schafe bereits abgelehnt haben.
Tierrechtler Peter Singer, der sich in diesem Fall für eine Euthanasie der leidenden Tiere einsetzt, betont, dass der gesamte Handel mit lebendigen Tieren eine "Schande" ist, die endlich beendet werden muss.
"Es ist immer eine furchtbare Qual für die Tiere. Der Transport ist ein Albtraum, und auch danach werden die Tiere mit einer Brutalität behandelt, als ob es sich um Getreidesäcke handelte, und nicht um lebendige und sensible Tiere. Aller ein oder zwei Jahre gibt es einen neuen großen Skandal... Dann verspricht der Bundesminister Reformen, aber nichts passiert... bis das Gleiche oder ein noch schlimmerer Fall wieder passiert."
Die RSPCA kämpft gegen die Lebendtierexportindustrie, wobei Wirth sich aber bewusst ist, dass keiner der politischen Gegner die Sache beenden wird. Was er jedoch fordert, sind viel weiter reichende Vorschriften.
Das ist auch der Wunsch der australischen Bevölkerung. Selbst wenn Truss das Problem "Cormo Express" jetzt schnell lösen kann Was hier und in so vielen anderen Fällen passiert ist, sollte uns ein schlechtes Gewissen verursachen.
Originalversion unter: http://www.theage.com.au/articles/2003/09/23/1064082991895.html