Südwest Presse Ulm
03. Februar 2000

"Menschen dürfen nicht zu Objekten werden''

Interview mit Heinz Krus, Sprecher der BI gegen die Bioethik-Konvention


Jedes Leben ist von gleichem Wert, weil von gleicher Würde. So lautet der "unumstößliche'' Leitsatz des 1994 gegründeten "Runden Tischs gegen die Bioethik-Konvention Ulm/Neu-Ulm''. Gerlinde Buck sprach mit Heinz Krus, dem Sprecher der Bürger-Initiative.

SÜDWEST PRESSE: Was will der "Runde Tisch gegen die Bioethik-Konvention''?

HEINZ KRUS: Unsere wichtigste Aufgabe sehen wir darin, eine kritische, öffentliche Auseinandersetzung mit der Bioethik-Konvention herzustellen. Deshalb organisieren wir auch regelmäßig Veranstaltungen mit Wissenschaftlern und Politikern. Der Öffentlichkeit muss einfach klar gemacht werden, was mit so abstrakten Formulierungen wie "fremdnützige Forschung an nicht einwilligungsfähigen Menschen'' wirklich gemeint ist. Und was für ein Menschenbild sich dahinter verbirgt.

SÜDWEST PRESSE: Warum ist es für Laien so schwierig, den Inhalt der Bioethik-Konvention einzuschätzen?

KRUS: Weil viele Punkte nicht nur abstrakt, sondern so allgemein abgefasst sind, dass die vielen Hintertürchen nicht gleich auffallen. Natürlich heißt es in der Konvention nicht: Bringt Behinderte um. Sondern: Unter bestimmten Umständen kann an so genannten nicht einwilligungsfähigen Menschen geforscht werden. Nicht einwilligungsfähig: Das kann ein geistig behinderter Mensch sein, ein bewusstloser oder auch ein an Alzheimer erkrankter alter Mensch. Also im Prinzip jeder von uns: Vor einem Unfall oder einer Krankheit ist schließlich keiner gefeit.

SÜDWEST PRESSE: Die Verfechter der Bioethik-Konvention behaupten, dass eine solche Forschung dem Allgemeinwohl nütze, dass davon viele Menschen profitierten. . .

KRUS: Den Vorwurf, dass wir forschungsfeindlich seien, bekommen wir immer wieder zu hören. Aber das ist überhaupt nicht der Fall. Egal ob Embryonenforschung oder Versuche an Menschen - die entscheidende Frage lautet doch: Darf Forschung alles, was machbar ist? Dass Krankheiten erforscht, dass Medikamente getestet und Organe transplantiert werden - das alles ist völlig in Ordnung, aber eben nur dann, wenn Menschen, die qualifiziert aufgeklärt worden sind, sich ganz bewusst für solche Dinge zur Verfügung stellen. In dem Moment jedoch, wo medizinische Forschung von vornherein auf Kosten einer bestimmten Gruppe betrieben, wo das angebliche Wohl der Allgemeinheit über das Wohl des Einzelnen gestellt wird, ist für mich die Grenze der Forschungsfreiheit überschritten. Wehrlose Menschen dürfen nicht zu Objekten werden. Wir müssen verhindern, dass man sie dazu macht.

SÜDWEST PRESSE: Mit all diesen Fragen, von der Embryonenforschung bis zu medizinischen Versuchen mit Menschen, soll sich eine Enquete-Kommission im Bundestag befassen. Bürgerinitiativen wie der "Runde Tisch'' setzen sich schon seit Jahren dafür ein. Warum ist bisher nichts daraus geworden?

KRUS: Leider ist der noch von der alten CDU-Regierung gefasste Beschluss, eine Medizin-Ethik-Kommission einzusetzen, im vergangenen Herbst de facto gekippt worden. Das heißt, es wurde ein Beschluss darüber gefasst, welche Enquete-Kommissionen eingesetzt werden sollten - und die für Medizin-Ethik war nicht dabei. Inzwischen allerdings sieht die Lage wieder anders aus.

SÜDWEST PRESSE: Weil Sie Druck gemacht haben?

KRUS: Abgesehen von einer SPD-internen Arbeitsgruppe haben sich zahlreiche Verbände und Inititativen für eine solche Kommission eingesetzt, Sozial- und Behindertenverbände, das Diakonische Werk in Württemberg sowie Bürgerinitiativen aus Reutlingen, Tübingen und eben auch wir aus Ulm. Das heißt, wir haben 1000 Unterschriften gesammelt und an Bundestagspräsident Wolfgang Thierse geschickt. Darüber hinaus haben wir die beiden Ulmer Abgeordneten Professor Jürgen Meyer und Heinz Seiffert und nicht zuletzt Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin angeschrieben.

SÜDWEST PRESSE: Mit welchem Erfolg?

KRUS: Nach der Antwort, die wir am Freitag aus dem Büro Thierse erhalten haben, bin ich zuversichtlich, zumal auch die Justizministerin unser Anliegen unterstützt: Es wird eine Medizin-Ethik-Kommission im Bundestag eingerichtet werden, voraussichtlich im Frühjahr oder Sommer.

SÜDWEST PRESSE: Was erwarten Sie von einer solchen Kommission?

KRUS: Wir machen uns da nichts vor: Die Kommission kann keine verbindlichen Entscheidungen treffen. Aber sie kann beraten, und, was sicher noch wichtiger ist, die Meinung und die Bedenken der Öffentlichkeit einbringen - und zwar auf qualifizierte, strukturierte Weise. Weitaus wirksamer also, als wenn sich die Öffentlichkeit weiterhin nur in einzelnen Gruppen äußern könnte.

SÜDWEST PRESSE: Die Arbeit des Runden Tischs ist damit freilich nicht beendet?

KRUS: Ganz im Gegenteil. Wichtig ist es auch in Zukunft, das Thema Bioethik öffentlich zu machen. Unter anderem wollen wir in den kommenden Monaten wieder mehrere thematische Abende veranstalten, zum Beispiel mit einem Würzburger Rechtsanwalt, der sich für ein generelles Verbot der Forschung an Behinderten ausspricht. Genau das ist schließlich auch unsere Forderung. Abgesehen davon wollen wir in Zukunft mehr auf junge Menschen zugehen.

SÜDWEST PRESSE: Was ist konkret geplant?

KRUS: Eine Arbeitsgruppe innerhalb des Runden Tisches überlegt gerade, wie man das Thema Bio-Ethik in die Schulen hineintragen, wie man insbesondere auch die Lehrer motivieren kann, sich des Themas anzunehmen. Fürs erste wird die Arbeitsgruppe Materialien zusammentragen und Empfehlungen geben. Für Anregungen sind wir übrigens dankbar.

SÜDWEST PRESSE: Bioethik: Sicher auch ein Thema für den Geschichts-Unterricht?

KRUS: Das ist es in der Tat. Nie darf man vergessen: Vor gerade einmal 60 Jahren begann im Nazi-Deutschland die systematische Ermordung geistig behinderter und psychisch kranker Menschen. Von "lebensunwertem Leben'' war damals unter anderem die Rede. Im Kern steckt dieser Gedanke auch in Teilen der Bioethik-Konvention. Der Protest spricht denn auch für sich: In der Bundesrepublik haben sich bisher insgesamt drei Millionen Menschen gegen dieses Abkommen ausgesprochen. 13 000 Unterschriften stammen allein aus der Region Ulm/Neu-Ulm.

Bioethik-Konvention

Sechs Staaten haben die umstrittende Bioethik-Konvention des Europarates bisher ratifiziert: Dänemark, Griechenland, San Marino, die Slowakei, Slowenien und Spanien. Was jedoch der Europarat als "ersten internationalen Vertrag zum Schutze des Menschen vor einem Missbrauch im Zuge des biomedizinischen Fortschritts'' deklariert, sehen Bürgerbewegungen, vor allem im deutschsprachigen Raum, ganz anders: Das Abkommen des Europarats schränke die Rechte einzelner Menschen zu Gunsten der Forschungsfreiheit und lukrativer Vewertungsinteressen immer weiter ein. Besonders kritisiert wird, dass es nach der Bioethik-Konvention möglich ist, Versuche an Menschen durchzuführen, die wegen Behinderung, Krankheit oder Alter selber nicht zustimmen oder ablehnen können, auch wenn diese Menschen keinen unmittelbaren Nutzen von den Versuchen haben.

Heinz Krus

Heinz Krus, 59, Sprecher des ¸¸Runden Tischs gegen die Bioethik-Konvention Ulm/Neu-Ulm'', leitet die Gustav-Werner-Schule für geistig behinderte Kinder mit derzeit 116 Schülern. Als Krus 1970 die Leitung der neuen Schule übernahm, war die Skepsis der Eltern ausgesprochen groß: "Viele hatten Angst, ihr Kind einer staatlichen Behörde zu überlassen.'' Doch schon bald folgte eine geradezu "explosionsartige'' Entwicklung der Schülerzahlen. Einer der Gründe für den Rückgang in den 70er Jahren ist die Erfindung der so genannten Fruchtwasser-Untersuchung, die es ermöglicht, bestimmte Behinderungen bei Embryonen zu erkennen. In jüngerer Zeit ist die Schülerzahl wieder angewachsen, laut Krus unter anderem deshalb, weil zunehmend auch sehr junge Frauen behinderte Kinder zur Welt bringen - also auch Frauen, die nicht von vornherein als "Risikoschwangere'' gelten.