GENTECHNIK
Bundeskanzler Gerhard Schröder, 57, zur Berliner
Rede" von Bundespräsident Johannes Rau
und über moralische Argumente für Gentechnik und Biomedizin
SPIEGEL: Herr Bundeskanzler, in seiner Berliner Rede" hat Johannes Rau vor einer Lockerung des Embryonenschutzes gewarnt. Die Würde des Menschen, so Rau, lasse sich gegen keinen anderen Wert aufrechnen. Teilen Sie seine Auffassung? Schröder: Bei der Gentechnik, ihrer künftigen Nutzung und Anwendung, gibt es eine definitive Grenze: die Würde des Menschen, denn die ist unantastbar. Darum ist es doch überhaupt keine Frage, dass der Schutz von Embryonen moralisch geboten ist. Doch eine breite Debatte umfasst mehr: Moralisch ist es nämlich auch, die vielen Menschen mit zum Teil schwersten Erkrankungen nicht zu vergessen, die sich durch gentechnisch hergestellte Medikamente Heilung und Linderung erhoffen. Und schließlich gehört zu unserer moralischen Verantwortung, dass wir uns um Arbeit und Wohlstand kümmern. Meiner Ansicht nach darf diese sozialethische Dimension nicht einfach vergessen werden. SPIEGEL: Rau sagt: Wo die Menschenwürde berührt ist, zählen keine wirtschaftlichen Argumente. Schröder: Wir stehen vor schwierigen Entscheidungen. Darüber muss die ganze Gesellschaft intensiv diskutieren. Mir geht es darum, dass auch daran gedacht wird, was in 20, 25 Jahren ist. Die Biotechnologie ist die Schlüsseltechnologie dieses Jahrhunderts. Ohne sie werden wir kaum den Wohlstand sichern, den unsere Kinder und Enkel vielleicht auch gern haben möchten. Schon heute halten wir einen internationalen Spitzenplatz. Mehr als jedes fünfte europäische Biotech-Unternehmen sitzt in Deutschland. SPIEGEL: Wird etwas ethisch Unvertretbares tatsächlich dadurch zulässig, dass es wirtschaftlichen Nutzen verspricht? Schröder: Sicher nicht. Aber es geht ja gerade um die Frage, was ethisch vertretbar ist. Und das ist nicht von der gleichberechtigten Teilhabe am Leben der Gesellschaft zu trennen. Das heißt immer noch und vor allem: Zugang zur Erwerbsarbeit. Wir dürfen die Debatte um die Gentechnik nicht verkürzen, sondern müssen mit großer Sorgfalt alle Aspekte diskutieren. Das gilt auch für die sozialethische Frage und damit für die zukünftigen Lebensbedingungen der Menschen bei uns. |
Quelle: Der Spiegel 21/2001 (21. Mai 2001) S. 17