Tübinger Initiative gegen die geplante Bioethik-Konvention
Dr. Rolf J. Lorenz, Erlenweg 40, 72076 Tübingen Tel.: 07071-600111; FAX: 07071-930479
11. Dezember 1997
Sehr geehrte Damen und Herren,
die im 9. Zirkular (vom 27.Oktober) erwähnten
"interfraktionellen Gespräche" im Bundestag zum
"Menschenrechtsübereinkommen zur Biomedizin"
(kurz: "Bioethik-Konvention") lassen inzwischen die deutlichen Konturen
einer Frontenbildung erkennen, die offenbar quer durch die beiden großen
Fraktionen verläuft: Es gibt Kerntruppen der Konventionsbefürworter
wie -gegner, die derzeit beide bemüht sind, Anhänger unter den
noch unentschiedenen Abgeordneten um sich zu scharen. Die beiden Lager sind
mit folgenden Namen verbunden: Seehofer (CDU/CSU) und Dreßler (SPD)
auf seiten der Befürworter, Wordag (SPD) und Hüppe(CDU/CSU) für
die Gegner.
Zu Letzteren darf wohl auch Frau Süßmuth gezählt werden.
Die Abgeordneten von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sind offenbar geschlossen
gegen die Konvention; von der F.D.P. ist bislang nur bekannt, daß
Justizminister Schmidt-Jortzig den deutschen Beitritt will, während
Außenminister Kinkel (noch?) starke Bedenken hat und zunächst
eine nochmalige Anhörung von Experten im Bundestag wünscht.
Das (von der Bundesregierung) erklärte Ziel dieses Klärungsprozesses
ist, die mutmaßlichen Mehrheitsverhältnisse im Parlament zur
Beitrittsfrage schon vor der anstehenden Zeichnung signalisiert zu bekommen.
Die Zeichnung der Konvention durch die Regierung bedeutet die
Absichtserklärung, das Ratifizierungsverfahren (im Bundestag und Bundesrat)
auch in Gang zu setzen. Eine Zeichnung würde für die Bundesregierung
keinen Sinn machen, wenn sie davon ausgehen müßte, daß das
Abkommen im Bundestag scheitern wird. Insofern ist die aktuelle Diskussion
um die Frage der Zeichnung (und nur darum geht es jetzt!) zugleich eine
Diskussion über die spätere Ratifizierung!
In Kürze wird ein Entschließungsantrag von den Befürwortern
erwartet, welcher der Bundesregierung die Zeichnung empfiehlt. Der Normalfall
wäre, daß der Abstimmung über den Antrag eine Aussprache
im Plenum vorausgeht. Das muß aber nicht sein! Über einen schriftlich
vorliegenden Antrag kann auch ohne Aussprache abgestimmt werden (eine Sache
von nicht mal 5 Minuten). Wie auch immer: Entweder ergibt sich eine deutliche
Mehrheit, oder der Antrag wird an die zuständigen Ausschüsse verwiesen.
Der letztlich eingeschlagene Weg wird auch von taktischen Erwägungen
mitbestimmt.
Ein solcher Antrag lag jedoch bis zum 10.Dezember nicht vor. Da der Bundestag seine letzte Sitzungswoche dieses Jahres am 12.Dezember abschließt, ist es sehr wahrscheinlich, daß das Thema doch erst im Januar auf die Tagesordnung kommt (frühestens am 19.Jan.).
Bis dahin bleibt uns Zeit für diskursive Lobby-Arbeit an den Abgeordneten!
Dies ist nichts Illegales, Ehrenrühriges oder gar Unmoralisches. Die
Abgeordneten sind es gewöhnt, und sie erwarten sogar, daß sich
nicht immer nur Industrie-Lobbyisten an sie wenden, sondern auch die Wähler
aus ihrem Wahlkreis. Fehlt jegliche Initiative aus dem Wahlkreis, geht ein
Abgeordneter davon aus, daß etwaige Probleme dort nicht als solche
empfunden werden. Diesen Eindruck sollten wir nicht entstehen lassen!
Die Zeit bis Mitte Januar ist zugleich die letzte Chance, Einfluß zu
nehmen, denn die Abgeordneten, welche sich jetzt für die Konvention
entscheiden, können später (bei der Ratifizierung) nicht mehr
zurück, ohne die Regierung bloßzustellen.
Man muß realistischerweise davon ausgehen, daß Abgeordnete, sofern
sie nicht in Ausschüssen ohnehin mit der Materie befaßt sind,
den Konventionstext weder bisher gelesen haben noch ihn in Zukunft lesen
werden. Ihre Kenntnisse und Problembewußtsein dazu beziehen sie in
der Regel aus "zweiter Hand", nämlich von den fachlich zuständigen
Kolleginnen und Kollegen. Auch das ist nicht ehrenrührig, wenngleich
natürlich bedauerlich. Es geht nicht anders! Jeder Abgeordnete ist in
wenigstens einem Ausschuß und in mehreren Arbeitskreisen tätig,
wo die "eigentliche" Parlamentsarbeit stattfindet.
Dort wird seine volle Kompetenz in speziellen Fragen erwartet, was zumeist
auch seine volle Kapazität in Anspruch nimmt. In allen anderen Fragen
(über die er gleichwohl eigenverantwortlich abstimmen
muß),verläßt er sich auf andere, sofern der Fraktionszwang
ihm nicht das Gewissen erleichtert.
Die einzige Möglichkeit, diese Routine zu durchbrechen, ist die Intervention
aus dem Wahlkreis. Dann muß der/die Abgeordnete sich mit der
Materie selbst auseinandersetzen, will er/sie sich nicht der Lächerlichkeit
preisgeben!
Daher wiederholen wir unsere schon mehrfach formulierte Aufforderung an die
Adressaten der Zirkulare, den Kontakt mit dem (den) Abgeordneten in ihrem
Wahlkreis unbedingt aufzunehmen, und zwar in der bevorstehenden Weihnachtspause
des Parlaments. Es ist die letzte Chance! Es ist aber tatsächlich eine
Chance, denn wir wissen, daß viele Abgeordnete in ihrer Haltung zur
Bioethik-Konvention noch schwankend sind (oder ihre Haltung bereits
geändert haben). Was können Sie tun?:
Argumente finden Sie z.B. in den zurückliegenden Zirkularen samt
beigefügten Anlagen. Diesem 10. Zirkular liegt ein Briefmuster bei,
das von der "Arbeitsgruppe Menschenbilder" der Ev.Kirche von Kurhessen-Waldeck
angeboten wird. Pastor i.R. Ulrich Bach, selbst Behinderter (Rollstuhlfahrer),
der von Anfang an in Wort und Schrift gegen diese Konvention gefochten hat,
stellt uns vier Thesen zum Thema "Über die Unmöglichkeit dem so
genannten Menschenrechtsübereinkommen zur Biomedizin zuzustimmen" mit
Erläuterungen zur Verfügung, von dem Sie vollen oder teilweisen
Gebrauch machen können.
Darüberhinaus sollten die folgenden Abgeordneten angeschrieben werden,
die auf Grund ihrer Funktionen mit dem Übereinkommen befaßt
sind:
a) - Herr Horst Eylmann, MdB, Vorsitzender des Rechtsausschusses
des Deutschen Bundestages,
- Herr Dr.Dieter Thomae, MdB, Vorsitzender des Ausschusses
für Gesundheit des Deutschen Bundestages,
- Frau Edelgard Bulmahn, MdB, Vorsitzende des Ausschusses
für Bildung, Wissenschaft, Forschung, Technologie und
Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages,
b) Die Berichterstatter im Rechtsausschuß
- Herr Peter Altmaier, MdB, (für die CDU/CSU),
- Frau Margot von Renesse, MdB, (für die SPD),
- Herrn Volker Beck, MdB, (für BUNDNIS 90/DIE GRÜNEN),
- Herrn Detlef Kleinert, MdB, (für die F.D.P.),
c) Die Fraktionsvorsitzenden
- Herr Dr.Wolfgang Schäuble, MdB, (CDU/CSU),
- Herr Rudolf Scharping, MdB, (SPD),
- Frau Kerstin Müller, MdB, (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN),
- Herr Dr.Hermann Otto Solms,MdB, (F.D.P.).
Postanschrift in allen Fällen: Bundeshaus, 53113 Bonn.
Schließlich sollte unbedingt der Bundeskanzler angeschrieben
werden, der nach wie vor persönlich Bedenken gegen eine Zeichnung des
Übereinkommens hegen soll.
Anschrift: Dr. Helmut Kohl, Adenauerallee 139-141, 53113 Bonn.
Zum Abschluß einige Hinweise:
* Am 17. und 18. Februar 1998 findet in Bonn ein
Fachforum "Menschen mit Behinderungen in der
biomedizinischen Forschung und Praxis" statt, veranstaltet vom "Arbeitskreis
zur Erforschung der Geschichte der "Euthanasie" und Zwangssterilisation"
und der "Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V.". Beachten Sie das beiliegende
Programm! Anmeldung bei: Armin Trus, Alfred-Bock-Str.11, 35394 Gießen,
Tel./Fax: 0641-494391. Keine Teilnahmegebühr!
* Eine neue Zeitschrift ist im Entstehen: BioSkop -
Zeitschrift zur Beobachtung der Biowissenschaften", die ab März
1998 viermal jährlich erscheinen soll. Beachten Sie die Kopie der Titelseite
der Null-Nummer mit Inhaltsverzeichnis (vom Dezember 1997). Jahres-Abo: 50
DM. Da öffentliche oder sonstige Fördermittel nicht zur Verfügung
stehen, müssen Redaktion und Vertrieb aus Abos und freiem Verkauf allein
finanziert werden! Bestellen Sie ein Probeexemplar und/oder ein Abo bei:
BioSkop e.V., Grendplatz 4, 45276 Essen, Tel.: 0201-512647, Fax: -519792.
* Das Buch über die Geschichte der Bioethik-Konvention und des Widerstandes
gegen sie ist da: Michael Emmrich "Der vermessene Mensch - Aufbruch ins
Gen-Zeitalter", Aufbau Taschenbuch Verlag Berlin 1997, 138 S., 12 DM. Emmrich
hat über das Entstehen der Konvention von Anfang an in der FRANKFURTER
RUNDSCHAU berichtet, das von Anfang an auch eine Geschichte des Tarnens und
Täuschens war.
Er erhielt dafür den "Wächterpreis der Tagespresse". Daneben werden
die kritischen Punkte der Konvention gut verständlich erläutert.Im
Anhang findet sich ein deutscher Text der vor einem Jahr beschlossenen
endgültigen Fassung. Eine sehr brauchbare Lektüre für
Spät-Einsteiger in die Problematik!
Mit freundlichen Grüßen,
(gez. Rolf J. Lorenz)
[Anrede]
Als Mitglied der Evangelischen Kirche haben wir große Bedenken, daß
langfristig durch diese Konvention das Grundrecht auf Unantastbarkeit der
Menschenwürde außer Kraft gesetzt wird. Wir bitten Sie
nachdrücklich, sich bei einer Abstinunung im Deutschen Bundestag gegen
die Unterzeichnung des "Menschenrechtsübereinkommens zur Biomedizin"
gegen sie auszusprechen.
Wir protestieren gegen:
Wir kritisieren:
Uns fehlt:
Wir fordern, daß das Grundgesetz weiterhin gilt und wir
fordern ein absolutes Klonverbot, denn das von der Parlamentarischen Versammlung
des Europarates erstellte Zusatzprotokoll über das Klonen von Menschen
verbietet lediglich, daß geklonte Embryonen geboren werden, nicht aber,
daß sie zur Organgewinnung und anderen Zwecken geklont werden.
Mit freundlichen Grüßen
welche - nach Maßgabe ihrer beruflichen Verpflichtungen - bereit sind, bei Veranstaltungen zum Thema "Bioethik" und "Bioethik-Konvention" zu sprechen. Die genauen Themen, Termine und sonstigen Konditionen sind zwischen den Veranstaltern und den Vortragenden jeweils individuell zu vereinbaren!
Dezember 1997
Robert Antretter, MdB Tel.: 0228-16 87102
Deutscher Bundestag Fax : 0228-16 86110
Bundeshaus
53113 Bonn
Prof.Dr.Helmut Baitsch (Humangenetiker)
Karolinensteige 25 Tel.: 07304-2525 oder
89134 Blaustein 0731-502 3868
Fax : 0731-502 3895
Univ.-Prof.Dr.theol.
Manfred Balkenohl Tel.: 0541-65876
Tütingstr.10
49088 Osnabrück
Dr.med.Paolo Bavastro Tel.: 0711-7703 4270
Ltd.Arzt der Inneren Medizin
Filderklinik
Im Haberschlei 7
70794 Filderstadt-Bonlanden
Pfarrer Joachim Beck Tel.: 07164-79214
Ev.Akademie Bad Boll Fax : 07164-79440
73087 Bad Boll
Dr.Elisabeth Bücking (Freie Mitarbeiterin beim
Saalenbergstr. 7 Öko-Institut Freiburg)
79294 Sölden Tel.: 0761-407590
Frau Dr.med.Doris Deutsch Tel.: 05692-5885
Kirchplatz 4 Fax : 05692-8957
34466 Wolfhagen
Klaus-Peter Görlitzer Tel.: 069-5400753
Dipl.Journalist Fax : 069-54801690
Festeburgring 8
60435 Frankfurt a.M.
Prof.Dr.Wolfgang Jantzen Tel.: 04791-980197
Schillerstr.33
27711 Osterholz-Scharmbeck
Dr.med.Günther Joka Tel.: 07364-7990
Heinz Küppenbender-Str.16
73447 Oberkochen
Pfarrer Dr.Martin Kalusche Tel.: 036020-7110
Teichmühlenweg 1
99713 Ebeleben
Frau Renee Krebs Tel.: 0511-120 4032
c/o Behindertenbeauftragter Fax : 0511-120 4257
des Landes Niedersachsen
Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz 2
30159 Hannover
Dr.Thomas Mäule Tel.: 0711-165 267
Diakonisches Werk Fax : 0711-165 277
Baden-Württmberg e.V.
Heilbronner Str.180
70191 Stuttgart
Prof.Dr.theol.Dietmar Mieth Tel.: 07071-297 7981
Zentrum für Ethik in den Fax : 07071-29255
Wissenschaften
Keplerstr. 17
72074 Tübingen
Dr.Monika Schumann Tel.: 07071-22620
Neckarhalde 20
72070 Tübingen
Armin Nenntwig Tel.: 09621-64800
Mitglied des
Bayerischen Landtages
Bayreuther Str.33
92224 Amberg
ObStR Jobst Paul Tel./Fax: 07472-281 439
Stadtlanggasse 32
72108 Rottenburg
Prof.Dr.C.Dorothee Roer Tel.: 069-591 545
Wielandstr.47
60318 Frankfurt a.M.
Frau Claudia Stellmach Tel./Fax: 0228-694 822
Römerstr-68
53111 Bonn
Gen-ethisches Netzwerk (GeN) Tel.: 030-685 7073
Schöneweiderstr.3 Fax : 030-684 1183
12055 Berlin
Kritische Stellungnahmen von Verbänden und Organisationen
zum "Menschenrechtsübereinkommen zur Biomedizin"-- seit dem 6.6.1996
(Stand: Oktober 1997)
1996
1997