Wird die Demokratie mit der Biotechnologie fertig?

von Alan Simpson, Labour-Abgeordneter im Britischen Unterhaus (Auszug)

Auszug des Artikels "Can democracy cope with biotechnology?", erschienen in SPLICE, Vol.5,  Issue 2,  Jan.1999, aus:<www.geneticsforum.org.uk>, zitiert nach einer deutschen Übersetzung in: "Von Gen-Piraten und Patenten", von Beate Wörner, hrsg. von BROT FÜR DIE WELT, Brandes & Apsel Verlag, 2000.

"Meiner Überzeugung nach ist diese Patentflut in der Biotechnologie forschungsfeindlich, wissenschaftsfeindlich und demokratiefeindlich. Es ist ein Bruch mit der Tradition; Forschung wird nicht mehr gemacht, um ein Heilmittel zu finden, sondern um ein Vermögen zu machen. Es steht der Tradition der Landwirte entgegen, die Samen aufheben und Pflanzen vermehren und beides miteinander teilen als Schutz gegen unvorhersehbare Naturgewalten. Diese Heilmittel und diese Samen waren immer schon Teil eines weltweiten Allgemeinguts. Die Patentierung hat dieses Gefüge verzerrt.

Wir müssen nun akzeptieren, dass alle medizinische und agrarwissenschaftliche Forschung zum Stillstand kommen wird. Biotech-Konzerne haben die Losung ausgegeben: Kein Patent - kein Heilmittel. Aber das ist Schwachsinn. Sie behaupten, sie brauchen Patente, um die immensen Forschungskosten wieder hereinzuspielen. Doch analysiert man, aus welchen Quellen die Forschungsgelder kommen, stellt man fest, dass der größte Teil, entweder direkt oder indirekt, von mir und Ihnen, also vom Steuerzahler, kommen. (...)

Die Jagd nach Patenten zerstört die Forschung. Die Zusammenarbeit der Wissenschaftler untereinander geht zurück, weil sie Angst davor haben, ihre Ideen zu teilen. Jeder fürchtet, dass der andere zuerst am Ziel sein könnte. Das ist neu. Der oder diejenige, der das Patent erhält, kontrolliert die weitere Forschung. Lizenzgebühren und -einnahmen bestimmen darüber, wer im Spiel bleibt. Dies ist zutiefst antidemokratisch. Es zerstört die Basis einer demokratisch ausgerichteten Forschergemeinde, die ihre Ideen teilt und partnerschaftlich mit der Gesellschaft lebt und nicht wie Parasiten von ihr.

Es ist auch antidemokratisch, Wissenschaftler dazu zu bringen, die Bausteine des Lebens als Dinge zu betrachten, die man patentieren kann. Die groteskeste Form dieser Denkweise ist die Biopiraterie, die derzeit in den Entwicklungsländern stattfindet. Traditionelle Heilpflanzen und Rezepte für Heilmittel werden in Südindien für weniger als fünf US-Dollar gekauft. Blutproben und Zelllinien von isoliert lebenden Bevölkerungsgruppen wurden genommen und patentiert in der Hoffnung, sie enthielten den Schlüssel zu künftigen medizinischen Durchbrüchen. Keines dieser Patente wurde aus altruistischen Motiven angemeldet. Die Proben wurden genommen und die Patente angemeldet, weil sie für die Biotech-Konzerne der kürzeste Weg zu enormen Profiten sind.

Wie können sie sich anmaßen, irgend jemandes Zelllinien zu patentieren, seine Krauter, Wurzeln oder traditionellen Heilmittel? Wir sind in einer neuen Ära des Kolonialismus, in der unterstellt wird, dass wir das Recht haben, die Existenz des Menschen zu besitzen. Dies ist eine Kolonisation der Seele. Als wir dies in vergangenen Jahrhunderten machten, nannte man es Sklaverei. (...) In unserem Zeitalter der Biopiraterie ist das Patent mächtiger als das Schwert."