Tübinger Initiative gegen die geplante Bioethik-Konvention
Dr. Rolf J. Lorenz, Erlenweg 40, 72076 Tübingen Tel.: 07071-600111; FAX: 07071-930479
Verzeichnis der Anlagen:
Tübinger Initiative gegen die geplante Bioethik-Konvention
Dr. Rolf J. Lorenz, Erlenweg 40, 72076 Tübingen Tel.: 07071-600111; FAX: 07071-930479
02.09.2002
" Konferenz über die Ethik der Naturwissenschaften: die Böcke beraten, wie sie weniger nach Bock und mehr nach Kohl riechen könnten." (Erwin Chargaff) |
Sehr geehrte Damen und Herren,
Am 20. Juni 2002 starb der Biochemiker und Schriftsteller Erwin Chargaff in New York. 1905 in Czernowitz geboren, studierte er Chemie in Wien, arbeitete in Berlin und, von 1928 bis 1930, als Forschungsstipendiat in den USA, wohin er 1934 endgültig übersiedelte. 1950 veröffentlichte er eine Arbeit, die den Durchbruch zur Entdeckung der Doppelhelix-Struktur der DNS durch Watson und Crick im Jahr 1953 bedeutete. Chargaff avancierte damit zum berühmtesten Professor der Columbia University in New York, den Nobelpreis aber bekamen Watson und Crick.
Chargaff verstand sich als Vertreter einer Naturforschung, deren Ziel die Erkenntnis der Natur ist und die keine Verwertungsinteressen verfolgt. Zwar hatte die Physik seit Hiroshima bereits ihre Unschuld verloren, aber in den Biowissenschaften war man zu Grenzüberschreitungen mit Folgen dieser Größenordnung noch nicht in der Lage. Das begann sich nach 1960 zu ändern. In seinen Büchern, Essays und Aphorismen, die seit seiner Emeritierung 1975 bis zu seinem Tod erschienen sind, setzte sich Chargaff immer wieder mit den äußeren und inneren Umbrüchen der Biowissenschaften von beschaulicher Ein-Mann-Forschung zur industriell betriebenen Big Science auseinander. Er weigerte sich, die Früchte der unheiligen Allianz von Forschung, Kapital und industrieller Verwertung als "Fortschritt" zu verstehen, denn er sah, wie der lautere Drang nach Erkenntnis und der redliche Wille zur Heilung von Krankheiten ein unauflösliches Amalgam mit der Goldgräberstimmung der New Economy eingingen.
Chargaffs geschliffene Kritik zielt auf die zunehmenden Anmaßungen der biomedizinischen Forschung gegenüber der Natur und der Gesellschaft:
"Die neureichen Forschungszweige, die Molekularbiologie, die Molekulargenetik, die Virologie und die hinterher jappende Immunologie wurden in ihren Zielen und Behauptungen unglaublich arrogant und taten so als waren sie berufen und fähig, die zahlreichen Mängel und Fehler der Natur zu korrigieren und auch den Menschen endgültig zu erklären, was mit ihnen los sei. Die dummdreiste Überheblichkeit einer nicht sehr anziehenden Menschensorte erhob den Anspruch, den Standard für die Zukunft zu errichten. "...
"Die Genetik ist natürlich nicht der einzige Tummelplatz vergeblich erhobener Zeigefinger; sie ist jedoch wahrscheinlich der schicksalsvollste. Nirgendwo ist die Kluft deutlicher, die sich zwischen den modernen Naturforschern und den nicht dazu Gesalbten, also der überwiegenden Majorität, die ich normale Menschen nennen möchte, aufgetan hat. Zum Beispiel hat sich unter den jetzigen Forschern die feste Überzeugung durchgesetzt, dass jedes Experiment, das getan werden kann, getan werden muß. Und getan werden kann viel mehr als soll. Fiat scientia et pereat mundus! Ein Molekularbiologe, dem Geld für irgendeinen Versuch verweigert wird, benimmt sich wie Giordano Bruno kurz vor der Verbrennung."
Mit spöttischer Ironie begrüßte Chargaff einen unversehens auf der Bildfläche erschienenen neuen Berufsstand: den des Bioethikers, der - in seinen Augen - die Forscher vor allem vor schlechtem Gewissen und vor Schadenersatzansprüchen bewahren soll. "Eine Mode geht um die Welt, die Mode der Bioethik. Alle Mächte dieser Welt haben sich zu einer heiligen Heuchelei mit dieser Mode verbündet." In seinem Essay " Bioethik und andere Missetaten" (In: Scheidewege, Jahresschrift für skeptisches Denken, 27.Jg., 1997/98) schreibt er:
"Es ist gut, dass nicht jede Frage beantwortet werden kann, und wer sich aufwirft, Antworten zu geben, die er nicht vertreten kann, tut übel. Das, fürchte ich, ist der Fall der Bioethiker, sie kommen einem lebhaften Bedürfnis entgegen, aber keinem legitimen. Gezwungen, ihre Hände zu halten über einige der abstoßendsten Geschäfte, die die Wissenschaften je gesehen haben; genötigt, vielen mehr als fragwürdigen Manipulationen der Keimbahn zuzustimmen; willens, im Gestank ungeahnter therapeutischer Kannibalismen zu verweilen, muß jegliche Ethik sich längst verflüchtigt haben. Jedenfalls kann man, einen alten Scherz wiederaufwärmend, feststellen, dass die Ethik sich zur Bioethik so verhält wie die Musik zur Militärmusik.
Wir haben eine der scheußlichsten Epochen der Weltgeschichte durchlebt; ich bin überzeugt, dass die beginnende Vergewaltigung der Natur durch die Forschung unter die verhängnisvollsten Verirrungen gezählt werden wird. Diejenigen, die behaupten, dieses Vorgehen sei in Ordnung, denn es diene guten Zwecken und werde aufs schonendste durchgeführt, machen einen entsetzlichen Fehler. Sie ahnen nicht, wie gefährlich es ist, sich den Grenzen des Lebendigen auch nur zu nähern. Alles, was wir tun, und auch manches, was wir zu tun unterlassen, rührt an Bereiche, die wir nicht zu überschauen, ja nicht einmal zu nennen vermögen. Das gilt für alles, was mit dem Lebendigen zu tun hat."
Die von ihm so harsch benörgelte Forscherzunft pflegte Chargaffs Attacken vor allem mit dem Hinweis auf sein fortgeschrittenes Alter zu quittieren - und mit ihrem Verständnis für seine Enttäuschung darüber, dass der Nobelpreis an ihm vorübergegangen war. Wer seine Bücher liest, bemerkt sofort, dass diese Erklärungen nicht stimmen können. Chargaff liebte das Leben, und er war ein großer Humanist.
Erwin Chargaffs Bücher in deutscher Sprache sind alle bei Klett-Cotta, Stuttgart,
erschienen: Das Feuer des Heraklit (5.Aufl.,1999), Unbegreifliches Geheimnis (1980),
Bemerkungen (Aphorismen; 2.Aufl. 1982), Warnungstafeln (1982). Kritik der
Zukunft (1983), Zeugenschaß (1985). Abscheu vor der Weltgeschichte (1988),
Alphabetische Anschläge (1989), Vorläufiges Ende (1990), Vermächtnis (1992),
Ein zweites Leben (1995). Das vermutlich letzte große Interview, das die
Journalistin Doris Weber im Sommer 1999 in New York mit Chargaff führte, wurde unter dem
Titel "Wider den Genrausch, eine Jahrhundertbegegnung" durch die
Publik-Forum Verlagsgesellschaft mbH, Oberursel, veröffentlicht (1999).
Was haben vier Jahre der rot-grünen Koalition auf dem Gebiet der Biopolitik gebracht? Es war keineswegs eine langweilige Zeit - sie hatte sogar Höhe- und Glanzpunkte - aber am Ende sehen wir uns in einer verworrenen Situation, in der die freudlos gewordenen Akteure mehr als Getriebene erscheinen denn als planvolle Betreiber einer konsistenten Politik. Dies ist mein subjektiver Eindruck, den ich nun zu begründen versuche.
Als diese Regierung 1998 antrat, war die (unter starker öffentlicher Beteiligung) angelaufene parlamentarische Debatte darüber, ob Deutschland dem "Übereinkommen über Menschenrechte und Biomedizin" (gewöhnlich "Bioethik-Konvention" genannt) beitreten solle, gerade ein halbes Jahr zuvor abgebrochen worden, wegen des damaligen Wahlkampfes (wie es hieß). Sie ist, a propos, bis heute nicht wieder aufgenommen worden.
Der Koalitionsvertrag zwischen SPD und den Grünen vom Herbst 1998 zeigte schmerzlich, wie wenig die Grünen sich mit ihren damaligen Forderungen zu Gentechnik und Biomedizin gegen den starken Partner durchzusetzen vermochten. Die SPD-Verhandler setzten voll auf ein Deutschland als biotechnischer Spitzen-Standort und auf neue Arbeitsplätze. Was blieb, war das Zugeständnis an die Grünen für eine Enquete-Kommission - aber selbst dies nur halbherzig, witterten die SPD-Pragmatiker in ihr doch ein "Einfallstor für fundamentalistische und ideologisch belastete Debatten".
Ein Jahr lang bewegte sich im Gesundheitsressort zur Bioethik-Frage nichts, die neue Ministerin Andrea Fischer war einstweilen vollauf mit der aktuellen Gesundheitspolitik eingedeckt. Aus dem SPD-geführten Forschungsressort (Edelgard Buhlman) flössen üppige zusätzliche Förderungsgelder in das nationale Genomprojekt. Eigentlich begann die "Biopolitik" erst am l5.November 1999 mit der Einsetzung eines Ethikbeirates beim Gesundheitsministerium.
Im Herbst 1999 hatten sich indes die inneren Spannungen der SPD-Fraktion Luft gemacht, nachdem die ungeliebte Zusage für eine Enquete mit Hilfe von Geschäftsordnungs-Tricks wieder aus der Welt geschaffen werden sollte, auch gegen den prompten Protest der Grünen. Über die Abgeordneten und Fraktionsspitzen brach daraufhin eine Flut zorniger Proteste aus der Öffentlichkeit herein, die diese Machenschaften mit Argusaugen verfolgt hatte. - Die Überraschung war so perfekt, dass das Koalitionsmanagement diese heiße Kartoffel fallen ließ und den Weg für die Kommission frei gab, freilich nicht ohne weitere Querelen über die Themenfelder und über den wichtigen Posten des Vorsitzes. Die Wahl fiel nicht auf Monika Knoche von den Grünen, auch nicht auf Dr. Wolfgang Wodarg von der SPD (die beide die sachlichen Vorarbeiten geleistet hatten), sondern auf die "Kompromiß-Kandidatin" Margot von Renesse.
Die Kommission hat ihre Arbeit schließlich am 15. Mai 2000 aufgenommen und in der Kürze der verbleibenden Zeit mit enormem Fleiß und mit allgemein respektierter Sorgfalt ein Riesenpensum abgearbeitet. Der 600 Seiten starke Schlussbericht liegt seit mehreren Wochen vor und darf als umfassendes und kompetentes Handbuch über die behandelten Sachgebiete (Präimplantationsdiagnostik und genetische Daten) gelten. Es kann jedem interessierten Bürger als Nachschlagewerk empfohlen werden, zumal es kostenlos zugesandt wird (siehe "Verschiedenes").
"Ohne die Bürgerproteste hätte es eine Enquete-Kommission nicht gegeben." Diese Botschaft hat uns von vielen Abgeordneten erreicht. Die erzwungene Einsetzung der Kommission war sicher eines der wichtigsten Ereignisse dieser vier Jahre, weil ihre Empfehlungen nicht ignoriert werden können - auch nicht vom Kanzler, dessen Interessen sie zuwiderlaufen. Seine Reaktion war die Einsetzung eines "Nationalen Ethikrates", dessen Mitglieder nach seinen Wünschen berufen worden sind. Dieser Akt wurde allgemein als gewollte Desavouierung des Bundestages verstanden.
Der gesamte Vorgang ist jedoch auch ein Beispiel dafür, dass kompetentes Bürger-Engagement Einfluß auf den Lauf der politischen Dinge zu nehmen vermag.
Ein weiteres Glanzlicht dieser Legislaturperiode war das wissenschaftliche Symposium "Fortpflanzungsmedizin in Deutschland" im Mai 2000, mit dem Frau Fischer einen ersten eigenen biopolitischen Akzent als Ministerin zu setzen gedachte. "Glanzlicht" deswegen, weil hier erstmals der wissenschaftliche Disput aus den Ghettos der "Sachverständigen" herausgeholt und der frischen Luft einer wirklich "öffentlichen" Debatte, unter Beteiligung von "Laien", ausgesetzt wurde. Der gewagte Versuch gelang über die Erwartungen hinaus und setzte neue Maßstäbe (siehe unseren Bericht im 19.Zirkular). Auch über dieses Ereignis gibt es einen ausführlichen Protokollband (Schriftenreihe des Bundesministeriums für Gesundheit, Bd. 132, Nomos Verlagsgesellschaft Baden-Baden, 2001, 519 S.; 98 DM =ca 50 Euro).
Das Thema "Fortpflanzungsmedizin" verschwand jedoch sang- und klanglos von der politischen Tagesordnung, nachdem Andrea Fischer im Rahmen der Kabinettsumbildung um die Jahreswende 2000/2001 zurücktrat und durch Ulla Schmidt (SPD) ersetzt wurde. Frau Schmidt war an diesem Thema nicht interessiert und stellte auch ihren gerade ein Jahr alten Ethik-Beirat kalt.
Im Juli 1999 hatte der Philosoph Peter Sloterdijk mit dem Plädoyer für einen gentechnisch aufgerüsteten "Menschenpark" für Furore gesorgt. Während seine phantastischen Thesen Kopfschütteln und Schaudern in der Bevölkerung auslösten, sah die deutsche akademische Philosophie unerwartet einen Fehdehandschuh im Ring liegen, den aufzunehmen die persönliche wie die Standesehre geboten. Die meisten dieser Philosophen hatten die schon lange in den politischen und gesellschaftlichen Niederungen dahin dümpelnde Debatte um Gentechnik, Klonen, Embryonenforschung und Menschenwürde bisher der Beachtung für nicht wert erachtet. Spätestens seit der Kulturstaatssekretär Nida-Rümelin, selbst Philosophie-Professor, mit einem Zeitungsartikel "Wo Menschenwürde beginnt" Aufsehen erregt hatte und dafür von Robert Spaemann heftig kritisiert wurde, war auch das Interesse der Philosophen erwacht. .
Der nun einsetzende Schlagabtausch spielte sich zum größten Teil in der überregionalen Tages- und Wochenpresse ab und gestaltete sich über Monate hin zu einem gesellschaftlichen "Event". Es entstanden nicht nur philosophische Traktate im Zeitungsformat, die gerade hochaktuelle Frage "Wie weit darf die Forschung gehen?" fädelte sich zwanglos in diesen Diskurs ein. So kam es, dass auch die Spitzen der großen Forschungsorganisationen und der Politik sich zu Wort meldeten oder zu Wort kamen. In einem großen Interview mit dem Kanzler, der die Biopolitik gerade zur "Chefsache" erklärt hatte, nahmen drei Journalisten Herrn Schröder gründlich auseinander, um zu sehen, was wirklich dahinter steckt, wenn er sagt, man müsse die Biotechnik "ohne Scheuklappen" sehen. Eine der am meisten gefragten Interviewpartner war Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, die offenbar die einzige Antipodin des Kanzlers in den Grundsatzfragen der Biopolitik im ganzen Kabinett ist, die kein Blatt vor den Mund nimmt und keinen Deut von ihrer Warnung vor Tabubrüchen in der Medizin abweicht. Und sie begründet das! Da drängt sich die Frage schon auf, wer hier wirklich Scheuklappen trägt und wer nicht.
Die Debatte kulminierte in der "Berliner Rede" des Bundespräsidenten am 18.Mai 2001: "Wird alles gut? Für einen Fortschritt nach menschlichem Maß". Die große Überraschung dieser Rede war, dass ein deutsches Staatsoberhaupt sich einmal nicht auf die Seite einer "staatstragenden Forschung" schlug, sondern den Wissenschaftlern gehörig in Gewissen redete - so deutlich, dass der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft sich zu einer scharfen Replik veranlasst sah. So etwas wurde bisher nicht erlebt!
Es war ein Teil des großen öffentlichen Dialogs unter dem Motto "Was alle angeht, darüber müssen alle mitentscheiden", der von beiden Seiten, von Schröder wie von Däubler-Gmelin, immer wieder gefordert wurde, freilich mit sehr unterschiedlichen Motiven. Schröder glaubt, dass man den Leuten nur die Scheuklappen wegnehmen müsse, dann kämen sie von selbst zu vernünftigen Ansichten, nämlich zu seinen. Zu Däubler-Gmelins Credo gehört es, dass in einen solchen Dialog alle Überzeugungen und Argumente Eingang finden müssen, auch solche, die sich auf andere Traditionen stützen als jene, auf welche die Forscher sich berufen.
Zusätzlichen Zündstoff bekam der Dialog durch zwei herausfordernde Ereignisse im Jahr 2000: Im Februar verkündete Craig Venter den Abschluß seiner Sequenzierung des menschlichen Genoms, im August legalisierte die britische Regierung das sog. "therapeutische Klonen". In diesem Zusammenhang muß wohl der Entschluß des Kanzlers vom Dezember 2000 gesehen werden, die Biopolitik zur "Chefsache" zu machen.
Eine Schlussfolgerung aus der Diskussion dürfte sein, dass die Zeiten vorbei sind, wo Forschungsorganisationen ihre Wünsche an die Politik beim Pförtner abgeben und das zuständige Ressort entsprechende Regulierungen mit weiten Ermessensspielräumen zugunsten der Forschung besorgt. Die Auftritte und Winkelzüge einiger Stammzellforscher im vergangenen Jahr wurden nicht nur von der Öffentlichkeit, sondern auch in der Regierung als unangemessen empfunden. Die Forscher an ethisch heiklen Themen beginnen sich erst langsam daran zu gewöhnen, dass die Gesellschaft ihnen auf die Finger schaut. Ob die von Herrn Brüstle geforderte Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen wirklich so unverzichtbar ist oder ob die Erlaubnis dazu letztlich nur ertrotzt wurde, ist nach wie vor ungeklärt und strittig. Womöglich hat sich die Mehrheit des Bundestages von einer Handvoll Wissenschaftlern doch über den Tisch ziehen lassen. Das Ergebnis, das sog. "Stammzellgesetz" vom April 2002, ist selbst moralisch höchst bedenklich, abgesehen von dem Ärgernis, das es allen Seiten bereitet. Bereits jetzt ist abzusehen, dass es den nächsten Bundestag schon bald wieder beschäftigen wird. Die Verantwortung dafür tragen auch die Grünen mit, allen voran Andrea Fischer, die dem nächsten Bundestag aber nicht mehr angehören wird.
Dieses Gesetz ist übrigens das einzige im Bereich der Biomedizin, das dieser Bundestag überhaupt verabschiedet hat, und dieses hat er sich unnötigerweise aufschwatzen lassen. Als ob er genau diesen Vorgang im Auge gehabt hätte, schreibt H.M.Enzensberger in seinem neuen Essay-Band "Die Elexiere der Wissenschaft" (Suhrkamp 2002): "Auch die Politik erweist sich dem wissenschaftlich-industriellen Komplex gegenüber als ratlos und ohnmächtig. Dessen Strategie ist einfach. Sie zielt routiniert auf das fait accompli, mit dem sich die Gesellschaft eben abzufinden hat, gleichgültig, wie die vollendeten Tatsachen aussehen. Ebenso routiniert wird jeder Widerspruch abgefertigt, als Angriff auf die Freiheit der Forschung, als unaufgeklärte Wissenschafts- und Technikfeindlichkeit und als abergläubische Zukunftsangst."
Was man aus den zurückliegenden Jahren auf jeden Fall lernen kann, ist, dass die Kritiker dieser Entwicklung keinen Anlaß haben, sich einschüchtern zu lassen und dass sie sich von den Fachleuten nicht auch noch vorschreiben lassen müssen, welche Argumente diese als zulässig erachten. Die Erfahrungen sind, alles in allem, eine starke Ermutigung für die demokratische Bürgerbewegung der Bioethik-Kritik. Über das Verhältnis von Laien und Fachleuten in einer demokratischen Gesellschaft schrieb der deutsch-amerikanische Philosoph Paul Feyerabend (in "Erkenntnis für freie Menschen", edition suhrkamp 1011,1980):
"...Haben Laien die für Entscheidungen dieser Art nötigen Kenntnisse? Werden sie nicht grobe Irrtümer begehen? Und ist es daher nicht nötig, grundlegende Entscheidungen den Fachleuten zu überlassen? Sicher nicht in einer freien Gesellschaft.
Eine freie Gesellschaft ist eine Versammlung reifer Menschen und nicht eine Herde von Schafen, geleitet von einer kleinen Gruppe von Besserwissern. Reife liegt nicht auf den Straßen herum, man muß sie lernen. Man lernt sie nicht in der Schule, .... sondern durch aktive Teilnahme an Entscheidungen, die noch ausstehen. Reife ist wichtiger als Spezialwissen und man muß versuchen, sie zu verwirklichen, selbst wenn der Versuch die delikaten Scharaden der Wissenschaftler (der Politiker und anderer Fachleute) stören sollte. Schließlich muß ja entschieden werden, wie spezielle Wissensformen anzuwenden sind, wie weit man ihnen vertrauen kann, wie sie sich zur Gesamtheit der menschlichen Existenz verhalten. Natürlich glauben die Wissenschaftler, dass es nichts besseres gibt, als die Wissenschaften. Aber die Bürger einer freien Gesellschaft können sich mit einem solchen frommen Glauben nicht zufrieden geben. Teilnahme von Laien an grundlegenden Entscheidungen ist daher geboten, selbst wenn eine solche Teilnahme die Erfolgsrate der Entscheidungen vermindern sollte."
Mit freundlichen Grüßen!
gez. Rolf Lorenz
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