| Kommentar
Frankfurter Rundschau 27.12.1999
Der verwertbare Mensch
von Michael Emmrich In England griffen Ärzte beherzt und systematisch über einen längeren Zeitraum zu. Ohne Skrupel und weitere Fragen haben sie hirntote Menschen flugs zu ihrem Eigentum erklärt und sich über die Innereien hergemacht. Dafür gibt es einen simplen Grund: Übertragbare menschliche Herzen, Nieren und Lebern sind rar und für die "Gewinnung" des medizinischen Rohstoffs müssen erst einmal Menschen sterben. Das macht die Organtransplantation zu einer besonderen und äußerst sensibel zu handhabenden Therapie. Doch statt einzusehen, dass die Natur ihnen bei menschlichen Spendern Grenzen setzt, sinnen diese Mediziner ständig auf neue Ressourcen und bringen das Verfahren immer wieder in Verruf. Damit ist ein Ton angeschlagen, der die Medizin generell in den nächsten Jahrzehnten bestimmen wird: die Verwertung von menschlichem Leben für Menschen. Die Organtransplantation ist der Beleg dafür, dass die Quadratur des Kreises eben nicht gelingen kann. Denn dem Bedürfnis nach dem neuen Menschen des 21. Jahrhunderts wird das Angebot des Medizinbetriebs notwendig immer hinterher hinken müssen, weil die Heilsversprechen von Gentechnik, Molekularbiologie und Fortpflanzungstechniken in letzter Konsequenz Illusion bleiben. Aber es reicht als Legitimation für weitreichende Forschungsaktivitäten und Zugriffsmöglichkeiten aus. Das Schüren von Hoffnungen hat stets dazu beigetragen, ungeliebte Hindernisse aus dem Weg zu schaffen. Dabei ist die heutige Organtransplantation eine Dinosauriertechnik. Nachdem die Begeisterung für Kunstorgane doch erheblich - weil auf mittlere Sicht unrealistisch - abgeklungen ist, richten sich die Träume auf gentechnisch veränderte Tiere als lebende Organbanken und auf embryonale menschliche Stammzellen (ES). Vor allem Stammzellen als Ausgangsmaterial für Organe aus der Retorte nach Wahl scheinen faszinierend, weil in hohem Maße elegant. Aber aus ES können noch komplette Menschen entstehen, weswegen durch künstliche Befruchtung erzeugte Embryonen zumindest in Deutschland unantastbar sind. Alternativ könnten abgetriebene Föten ausgebeutet werden. Doch auch da türmen sich neben den Mengen-Problemen die ethischen. Die Organtransplantation zeigt: menschliches Leben gerät zunehmend in einen neuen und gefährlichen Bewertungszusammenhang. Dies geschieht aber nicht nur auf Seiten der "Spender", sondern auch bei den wartenden Patienten. Das machen die gerade von der Bundesärztekammer beschlossenen Richtlinien für die Auswahl der Organempfänger deutlich: Um den Organmangel auch nur einigermaßen verwalten zu können, müssen gleich ganze Gruppen - Krebspatienten, HIV-Infizierte, Alkoholiker und psychisch Labile - strikt ausgegrenzt werden. Rationalisierung und Selektion stehen dabei zwangsläufig im Hintergrund. Einen kurzfristigen Ausweg erhoffen sich Ärzte von der Lebendspende: Auch sie wieder im Einzelfall für todkranke Patienten eine letzte Hoffnung und manchmal auch Rettung, aber gesellschaftlich mit gravierenden Problemen behaftet. Denn das Rühren der Werbetrommel für die Lebendspende propagiert diese als sozial vorbildliche Norm und übt Druck aus. Wer mag da künftig noch guten Gewissens an seinen Nieren und seiner kompletten Leber festhalten wollen, wenn Not an ihr ist? Die umstrittene Bioethik-Konvention des Europarates hat deshalb schon konsequent den nächsten Schritt in dieser Logik getan: ihr zufolge darf Menschen, die sich nicht mehr wehren können, ohne Zustimmung regenerierbares Gewebe für kranke Verwandte entnommen werden. Der Mensch wird zum unfreiwilligen Rohstofflager. Die Organtransplantation umschifft auf der einen Seite Probleme und verhilft einigen Schwerstkranken zu einem "neuen Leben". Aber mit jeder Problemlösung schafft sie zugleich neue Dilemmata: wie die Ausgrenzung von potenziellen Empfängergruppen, den Zugriff auf sterbende und behinderte Menschen und die sprachliche Verharmlosung und Umdeutung von Hirntoten zu Toten. Auch wird in Europa schon darüber diskutiert, ob man in der Pflege teure Wachkoma-Patienten nicht weiterbehandeln sollte - auch um an ihre Organe zu kommen. Individuelle Hilfen und Bedürfnisse für Kranke stoßen so mit immensen Verschiebungen auf der gesellschaftlichen und weltanschaulichen Ebene zusammen - und lassen sich nicht mehr befriedigend auf einen Nenner bringen. Konflikte bleiben. Darin liegt ein Vorgeschmack auf Kommendes. Denn gesellschaftliche Leitbilder und individuelle Allgesundheits- und Unsterblichkeitsfantasien fügen die verschiedenen Mosaiksteine zum Maß-Losen zusammen. Alles ist denkbar, vieles scheint machbar, alles ist zu ersetzen und rund zu erneuern: Gene, Merkmale, Organe, Alterung. Eine entfesselte und globalisierte Ökonomie gibt den Rahmen für derlei Begehr ab. Niemand will schwer kranken Menschen ein rettendes Organ vorenthalten. Das hat jedoch einen Preis, der zumindest nachdenklich machen muss.
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