Die Möglichkeiten der Gentechnik werden oft als die Antwort auf uralte Menschheitswünsche nach dauernder Jugend und Nicht-sterben-müssen legitimiert und popularisiert. Tatsächlich gibt es seit eh und je Phantasien von Jungbrunnen und Lebenselixieren, in denen sich diese Wünsche ausdrücken. Sie sind allerdings eher wilde Seitenschößlinge, eine Art quasireligiöse Subkultur zum weiland herrschenden und umfassenderen religiösen Bewußtsein. Mit der Erosion der religiösen Vorstellungen sind die alten magischen Phantasien in Trivialliteratur und -filmen, aber auch in subkulturellen Kulten und Lebensformen zu ungeahnter Blüte gelangt. Zu dieser "Kultur" passen die Angebote von Gentechnik und Biomedizin. Träume scheinen wahr zu werden.
Das Ringen um einen angemessenen Umgang mit dem, was dem Menschen auf dem Gebiet von Medizin und Biologie möglich ist, vereint Bürger mit ganz verschiedenem Hintergrund: Gläubige, Zweifler und Atheisten; Naturwissenschaftler und Ärzte, die über Sinn und Grenzen ihres Tuns nachdenken; politisch Interessierte, die die gesellschaftlichen Folgen der neuen Techniken, zumal im Zusammenwirken mit dem ungeregelten Markt, mit Sorge beobachten und nicht zuletzt Behinderte und Menschen, die sich für sie engagieren. Merkwürdig ist dabei, daß auch völlig areligiöse Menschen ein "Bis hierhin und nicht weiter" zu ihrem Motto gemacht haben, obwohl sie dafür eine rationalistische Begründung nicht geben können. Es zeigt sich darin ein letzter Kernbestand dessen, worauf jegliche Gesellschaft gründet: ein mythisches Tabu. Von "Bio-Ethikern" wird diesen Menschen vorgehalten, noch in einem quasi religiösen Irrationalismus befangen seien. So werden die, die rationalistische Argumente da ablehnen, wo sich die Ratio nicht selbst Ziele setzen kann, mit einem Wort denunziert und erledigt: "Fundamentalist". Die Rationalisten und Utilitaristen, die mit der "Bio-Ethik" Raum und Akzeptanz für Innovationen schaffen wollen, erkennen grundsätzlich kein Tabu an, weil sie keinen metaphysischen Ursprung der Kultur und des Humanum anerkennen. Jedes Tabu darf im Bedarfsfall ignoriert werden. Nur aus taktischen Gründen, um Irritationen zu vermeiden, läßt man die Tabus bestehen, deren "Liquidierung" sowieso noch nicht ansteht. Teilweise wird sogar ausdrücklich versichert, bestimmte mögliche Optionen nicht in Anspruch zu nehmen (z.B. das Klonen von Menschen).
Das Tabu erscheint auch seinen Verteidigern als etwas schwer Definierbares und Unbegründbares, es sei denn, man verläßt sich auf seine Intuition und nimmt es als etwas Gegebenes hin. Man muß versuchen, sich darüber klar zu werden, welchen Ursprung das Tabu hat, welche Funktion ihm zukommt und welche Rolle es heute spielen kann: Eine rationale Überlegung über ein metaphysisches Thema.
Es ist eine an sich unstreitige geistesgeschichtliche Tatsache: Allem Denken, Fühlen und Streben des Menschen liegt, seit er damit begann, immer schon etwas voraus, worin er seinen notwendigen Ausgangspunkt erfährt. Der Anfang ist nicht selbst gemacht. Er wird im Mythos vorgefunden. Das muß man im Hinterkopf haben, bevor man die Instrumentalisierung von Mythen und Religionen kritisiert und bekämpft. Der unverdächtigste Zeuge dafür ist selbst Atheist: Leszek Kolakowski ("Die Gegenwärtigkeit des Mythos", München 1973 ff, Original : Paris 1972). Neben diesem gedanklich wie stilistisch sehr anspruchsvollen Werk sei noch auf eine vor interessierten Laien gehaltene fundierte Vortragsreihe von Hinrich Knittermeyer hingewiesen: ("Grundgegebenheiten des menschlichen Seins", Darmstadt 1963). Prinzipiell behält dieses Vorgegebene für den Menschen seine Bedeutung, gleich, wie sein "Dichten und Trachten" sich auch immer entwickelt. Es ist darum das, was den Menschen ausmacht, gerade weil er sich nicht selbst in den Be-Griff bekommt.
Die Definitionen des Menschen sind zahlreich und unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen, daß sie nur begrenzt brauchbar sind. Es bleibt immer ein offener Rest, ein letztes Rätsel. Es war ein Naturwissenschaftler, der dies unvergleichlich auf den Punkt gebracht hat: "Der Mensch übersteigt den Menschen unendlich" (Pascal). Unser Urteil über andere Menschen und über "den Menschen" ist darum, auch wenn wir oft zu einer Entscheidung genötigt sind, nie ganz richtig und darum nie endgültig.
Naturwissenschaft hat ihre einzigartige führende Stellung nicht, weil sie die Antworten hat, die Philosophie und Theologie nicht geben können oder von ihnen nicht akzeptiert werden, sondern weil sie die Fragen erst schon gar nicht anerkennt. Sie versteht sich als die Instanz, die die einzig relevanten Fragen stellt. Sie tritt damit gewissermaßen automatisch in die von Philosophie und Theologie gelassene Lücke. Schon indem sie einen solchen Anspruch bzgl. ihrer Rolle in der Gesellschaft erhebt, betreibt sie, ohne sich dessen recht bewußt zu sein, Philosophie. Sie kann aber insbesondere auch den Mythos als die Voraussetzung alles Denkens und Erkennens nicht anerkennen. Aber sogar was auf der Hand liegt, daß sie nämlich über ihren eigenen Sinn und ihre eigenen Zwecke nicht selbst angemessen reflektieren kann, wird von ihr stets übersehen und übergangen. In beiden Punkten, sowohl hinsichtlich der Voraussetzung als auch in Bezug auf Sinn und Zweck müßte Physik tun, was sie als Physik nicht kann, nämlich Metaphysik betreiben.
Nun gibt es Philosophien, die hier keine großen Schwierigkeiten haben. Da man die metaphysischen Probleme nicht lösen kann, wendet man sich von ihnen ab. Man konzentriert sich aufs Praktische und Nützliche. Dabei kommt durchaus Sinnvolles heraus. Es erledigt aber nicht die Fragen, vor denen man resigniert hat, die sich aber unerbittlich stellen. Das kümmert Pragmatismus und Utilitarismus nicht; sie bieten sich mit Erfolg der Wissenschaft (und der Wirtschaft) als Vehikel an, sie sind genau das, was gebraucht wird. Natürlich wird nicht darauf verzichtet, sich auf das menschliche Streben nach Glück zu beziehen. Man scheut sich nicht, damit an älteste menschheitliche Visionen anzuknüpfen, für quasi-metaphysische Bedürfnisse also technische Lösungen anzubieten. Man verkauft Lebensverlängerung, Lebensverbesserung und Freiheit von Leid: es nicht zu erdulden und es nicht ansehen zu müssen, nicht mit fremdem Leid belastet und konfrontiert zu sein, sei es durch Pflegeleistung, sei es durch einen Sozialbeitrag. Einer der Exponenten dieses Denkens, der Menschenvervielfältiger Richard Seed, geht noch weiter. Klonen steht bei ihm für Unsterblichkeit, für Werden wie Gott. Jeder soll sich so oft kopieren wie er mag bzw. bezahlen kann, denn für Verteilungsgerechtigkeit sorgt nach Seed der Markt. Seed bezeichnet sich als gläubigen Methodisten. Er bringt das monströse Kunststück fertig, seinen transzendentalen Glauben mit dem krassesten immanenten Materialismus zu kombinieren. Eine Problematisierung dieser Entwicklung unter Gesichtspunkten der überkommenen Ethik des alten Kontinents hält er für hoffnungslos veraltet, Kants Philosophie für perfektes Geschwafel. Die Zuspitzung der ethischen Frage durch diese Seedsche Provokation ist für die Klärung unsrer Position sehr hilfreich. Was Glück oder Sinn für den Menschen sei, kann sich nur daraus ergeben, als was man ihn ansieht. Sieht man in ihm nur den leistungsstarken Organismus - besonders mit seiner vielversprechenden Hirnfunktion - als das, was weiter entwickelt werden soll, und nichts als die Entwicklung der Arten mit der Vervollkommnung durch Selektion zur Voraussetzung hat, dann ist Glück und Sinn nichts als die möglichst ungestörte, massenhafte und dauernde (auch künstliche) Vermehrung und natürlich auch die gentherapeutische Lebensverlängerung und gen-eugenische Vervollkommnung des Individuums. Sinn des Daseins ist dann nur das Da-Sein. Ein nicht während des Lebens durch Leid und zeitlich durch den Tod begrenztes Leben bedarf keiner Liebe mehr, die es transzendiert, keiner Überwindung von Schwächen, keines Trostes im Scheitern. Es bleibt kein Ziel, keine Erfüllung ausser der Selbstvergewisserung durch Selbstsicherung. Eine unendliche Existenz ist notwendig eine leere Existenz. Angst vor dem Ende wird zur Angst vor der Endlosigkeit werden.
Was kommt, was schon jetzt geschieht, kündigt sich seit langem an. Es ist auch nicht unbeachtet geblieben. Aber während krisenhafte Erscheinungen die Gesellschaften beunruhigten, gab es noch so viele Freiheiten von staatlichen Mächten und Bevormundungen, noch so viel Emanzipation von gesellschaftlichen Zwängen zu erringen, ja auch vermeintlich noch so viel metaphysischen Ballast abzuwerfen! Und es gab noch so viel Unklarheit und Streit darüber, wie und wohin sich der Mensch emanzipieren solle! Man war deshalb geneigt, über die Korrektur von Fehlentwicklungen erst zu reden, wenn der Mensch, wie von der Aufklärung vorgesehen, mündig geworden sein würde. Die Naturwissenschaften entwickelten sich derweil so dynamisch und beschleunigten sich gegenseitig, daß sie zu einem wesentlichen Element der allgemeinen zivilisatorischen Entwicklung wurden. Man glaubte sich auf einem solch hohen geistigen Stand, daß man die Naturwissenschaft stets beherrschen könne und erkannte nicht, wie sie die Kultur mehr und mehr beherrscht. Sie mußte sich immer weniger nach ihrer Legitimation und nach ihren Zielen fragen lassen. Immer mehr wurde sie zu etwas, das seine Legitimation und seinen Zweck in sich trägt und das die einzige Wirklichkeit schafft. Am Ende sieht die heutige Situation: Rat- und Hilflosigkeit der Verteidiger einer ethischen Position, die dieser Entwicklung steuern und Grenzen setzen will. Sie müßte einen Rückstand von etwa 200 Jahren aufholen und dazu vorab die ganze Perversion der Entwicklung bis zur gegenwärtigen Lage ins allgemeine Bewußtsein heben. Im Ergebnis haben wir faktisch eine Umkehrung der Beweislast. Im Prozess vor Gericht heißt das: Wer nicht ausreichend darlegt, verliert. Die Aufgabe lautet also, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, daß die faktisch eingetretene Umkehrung der Beweislast zu Unrecht besteht. Dies ist nicht ohne eine Überschreitung von Grenzen möglich. Alle Bereiche, Gesellschaftspolitik, Naturwissenschaft, Medizin und Recht kommen ohne Beschäftigung mit Philosophie, mit Kulturphilosophie und mit Ethik nicht aus. Wer dies nicht erkennt, braucht sich an den Diskussionen nicht mehr zu beteiligen und setzt sich ggfs. dem Verdacht aus, eine Scheindiskussion zu führen, um die wahre Gefahr zu verschleiern.
Wissenschaftlich-technische Innovation bringt ihre "Ethik" gleich mit, was bedeutet, daß nichts anderes als "PR" gemacht wird. Public Relations gegen Kultur. Ein Gespräch zwischen diesen unterschiedlichen Ebenen kann nur unter dem Vorzeichen eines "Als-Ob" stattfinden. Sein Zweck - aus der Sicht von Wissenschaft und Wirtschaft - ist es auch nur, durch Gesprächs-Beschäftigung zu einer Beruhigung beizutragen und schrittweise Akzeptanz zu schaffen, eine Akzeptanz, die letztlich nur auf Abnutzung und Ermüdung beruht, teils auch auf dem Irrtum der Vertreter einer humanen Wissenschaft, eine Konzession erstritten zu haben oder erstreiten zu können.
In dieser Lage war eine Formel sinnvoll, die sowohl die Situation des Menschen in der Gesellschaft auf einsichtige und konkrete Weise auf den Punkt bringt als auch ein neues ethisches Bewußtsein als Verbindendes begründen kann. Gemeint ist Albert Schweitzers berühmter Satz "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will", der ihm bekanntlich auf einer Bootsfahrt auf dem Ogowe während seiner ersten Zeit in Afrika einfiel und auf den seine Darstellung in Band 2 seiner Kulturphilosophie ("Kultur und Ethik", 1923) zuläuft. Schweitzer erkennt (im Gegensatz zu Oswald Spengler) keine Gesetzmäßigkeit von jugendlichem Aufblühen und altersbedingtem Absterben der Kulturen an. Er muß das Instrumentarium seines pastoralen Metiers nicht bemühen; er argumentiert so, daß man nicht Christ sein muß, um seinen Forderungen zu folgen. Er breitet nur aus, was jeder erkennen kann, der sich auf einen Denkweg ohne Selbsbetrug und Eitelkeit einlassen will. Schweitzer ist wegen seines Topos von der "Ehrfurcht vor dem Leben" berühmt. Der Begriff steht für ein Tabu "Leben". Der dafür gewählte Ausdruck mochte bereits damals und mag erst recht heute quasireligiöse Assoziationen wecken und seine Rezeption so behindern. Aber das metaphysische Tremendum, das Erschrecken und Zurückschrecken - z.B. vor der Tötung oder vor der Mißachtung der Würde des Todes - kann nur adäquat ausgedrückt werden, wenn der Begriff eine deutliche Begrenzung gegenüber Banalisierung und Zynismus ausdrückt. Wenn man vor der Alternative steht, entweder eine ungehemmte Erosion des Menschlichen hinzunehmen oder ihr gegenüber eine nicht aus unserem souverän sein wollenden Vernunftdenken zu gewinnenden Grenze anzuerkennen, dann dürfte es nicht so schwer sein, sich mit diesem metaphysischen Begriff der Ehrfurcht vor dem Leben anzufreunden.
Leben ist Zusammenleben, Leben des Menschen mit Menschen, mit der Natur, auch der unbelebten, sofern sie das Substrat alles Lebendigen ist. Zusammenleben gründet sich jedoch nicht ausschließlich auf Verbote (Tabus), sondern dazu gehört nach Schweitzer auch die förderliche Zuwendung und Hingabe, aus einer inneren Notwendigkeit, ja Nötigung, als positives Pendant zum Tabu. Sie ist mehr als Mitleid, sondern die Haltung, die Leiden ohne rationalen Grund zuvorkommt. Sie ist sogar wichtiger als die Verbote, denn wer sich dem Leben hingibt, wird es erst recht nicht schädigen. Die Tabus, die die Gesellschaft in gesetzliche Verbote transformiert, mochten nur so lange überbewertet werden, als die nur schwer in vollziehbare Verbote umzusetzende Zuwendung selbstverständlich war. Heute, da der innere Drang zur Zuwendung an das Leben verkümmert und manche seiner Erscheinungsformen sich der Antiquiertheit zeihen lassen müssen, gereicht ihm auch noch unser Hang zur Privatmoral zum Verhängnis: Wo wir durch Zuwendung aktiv werden, das wollen wir uns durch gesellschaftliche Nonnen nicht diktieren lassen, nur Verbote sind wir geneigt anzuerkennen. Die gesetzlichen Verbote sind aber ihrerseits auch in einer Krise, weil sie nur noch Maßnahmen ohne metaphysischen Grund sind. Es ist darum nicht zu erwarten, daß gesetzgeberische Begrenzungen der Möglichkeiten in Medizin und Biologie zu "ehernen" Gesetzen werden.
Die positive und die negative Seite der Vorstellung von Leben - Hingabe und Tabu - werden (als metaphysische Kategorien) um ihrer selbst willen beachtet. Damit ist der Andere als Mitgeschöpf anerkannt, sei er krank, behindert oder sterbend. Diese Vorstellungen enthalten sich des Urteils über seinen Wert und seine Heilungswürdigkeit. Wo die aber Hingabe verkümmert, ist auch das Tabu gefährdet, nämlich durch das Zusammenwirken der unpersönlichen, nicht mehr durch Hingabe geprägten zwischenmenschlichlichen Situation mit der Delegierung des Umgangs mit dem Tabu an einen anonymen Apparat von Fachleuten.
Der Gesetzgeber könnte, denkt man, versuchen, durch klare Definitionen Schranken zu errichten. Man muß aber erkennen, daß die Anpassung der Definitionen an die Dynamik der Entwicklung das wahre Problem nicht löst. Die Normsetzung wird sowieso immer mehr zur "Maßnahme", die die Probleme verschiebt und die Situation ständig unübersichtlicher macht.
Diesen Weg beschreitet der Gesetzgeber, wenn er die "Bio-Ethik-Konvention" ratifiziert.