'Arbeitskreis Bioethik Braunschweig',
Martin Vogt, Tel + Fax: 0531 79 44 74 und
Angelika Wessel, Tel + Fax: 0531 50 65 15

12.5.2000

 

B I O E T H I K - A K T U E L L

Inhalt:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

aus aktuellem Anlass die neuesten Nachrichten. Den neuesten Rundbrief des Arbeitskreis Bioethik Braunschweig können Sie voraussichtlich ab Montag, den 15.05.00 unter der Adresse www.fuente.de abrufen.

 

Enquête-Kommission personell besetzt

Der Personalpoker um die Besetzung der Enquête-Kommission "Ethik und Recht der modernen Medizin" ist beendet. Für den 15.5.00 ist die konstituierende Sitzung angesetzt.

Im Anschluss finden Sie die Namen, Telefon- und Faxnummern der ordentlichen und stellvertretenden Mitglieder und der berufenen Sachverständigen. Den Nummern der Bundestagsabgeordneten ist die Telefonnummer 030/227-... voranzustellen. Alle Abgeordneten sind auf dem Postweg unter ihrem Namen und der Anschrift "Platz der Republik 1, 11011 Berlin" zu erreichen.

 

Ordentliche Mitglieder der Enquête Telefon Fax
SPD
e-Mail   Kühn-Mengel, Helga -71124 -76778
e-Mail   Reimann Dr., Carola -71269 -76159
e-Mail   Renesse, Margot von -94125 -96831
e-Mail   Röspel, René -73320 -76332
e-Mail   Wodarg Dr., Wolfgang -73371 -76333
CDU/CSU
e-Mail   Hüppe, Hubert -77589 -76706
e-Mail   Lensing, Werner -73192 -76538
e-Mail   Nolte, Claudia -94462 -96918
e-Mail   Scheu, Gerhard -71337 -76119
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
e-Mail   Höfken, Ulrike -71016 -76332
e-Mail   Knoche, Monika -71596 -76271
FDP
e-Mail   Schmidt-Jorzig Prof.Dr., Edzard -71623 -76948
PDS
e-Mail   Seifert Dr., Ilja -77727 -76923
  
  
Stellvertretende Mitglieder der Enquête Telefon Fax
SPD
e-Mail   Brinkmann, Bernhard -77265 -76265
e-Mail   Lewering, Eckhart -94173 -96843
e-Mail   Schmidbauer, Horst -94002 -96801
e-Mail   Schmidt-Zadel, Regina -94087 -96821
e-Mail   Wetzel Dr., Margit -71966 -76152
CDU/CSU
e-Mail   Falk, Ilse -77720 -76720
e-Mail   Faust Dr., Hans-Georg -94556 -96940
e-Mail   Schuchardt Prof. Dr., Erika -94599 -96599
e-Mail   Strebl, Matthäus -75505 -76009
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
e-Mail   Beck, Volker -71511 -76880
e-Mail   Fell, Hans-Josef -72158 -76369
FDP
e-Mail   Parr, Detlef -75707 -76131
PDS
e-Mail   Marquardt, Angela -71446 -70446

 

Sachverständige
SPD
  Braun Dr., Kathrin Tel. 0551-397212 Fax 0551-397143
      Universität Göttingen
      Seminar für Politikwissenschaft
Platz der Göttinger Sieben 3 37073 Göttingen
  Duden Prof., Barbara Tel. 0511-7625779 Fax  0511-7625554
      Universität Hannover
      Institut für Soziologie
Schneiderberg 50 30167 Hannover
  Geisler Prof., Linus Tel.  02043-204956 Fax 02043-204855
Bloomsweg 8 45964 Gladbeck
  Graumann Dr., Sigrid Tel. 07071-2977984 Fax 07071-295255
      Interfakultäres Zentrum für Ethik
      in den Wissenschaften
      Universität Tübingen
Keplerstr. 17 72074 Tübingen
  Tanner Prof., Klaus Tel. 0345-5523017 Fax 0345-5527088
      Martin-Luther-Universität
      Halle Wittenberg
      Institut für Systemische Theologie
06099 Halle (Saale)
CDU/CSU 
   Beckmann, Rainer Tel. 09321-7006162 Fax 09321 7006174
      Amtsgericht
      Kitzingen
Friedensstr. 3 a 97318 Kitzingen
  Neuer-Miebach Prof. Dr., Therese Tel. 069-15332969 Fax 069-15332809
      Fachhochschule Frankfurt
      Fachbereich Sozialarbeit
Nibelungenplatz 1 60318 Frankfurt
  Reiter Prof. Dr., Johannes Tel. 06131-3922547 Fax 06131-3923501
      Johannes-Gutenberg-Universität
      Katholische Theologie
55099 Mainz
  Winter Dr., Stephan Tel. 0221-4004460 Fax 0221-4004386
      Wissenschaftlicher Beirat der
      Bundesärztekammer
Herbert-Lewin-Str. 1 50931 Köln
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 
   Degener Prof. Dr., Theresia Tel. 001-510-6420330 Fax  001-5106433070
      University of Carolina
      School of Law  (bis 20. Juli 2000)
Boalt Hall 456 Berkeley, CA 94720 - 7200
   Wunder Dr., Michael Tel. 040-50773566 Fax 040- 50773777
      Ev. Stiftung Alsterdorf
      Zentrum für Beratung,
      Diagnostik und Psychotherapie
Dorothea-Kasten Str. 3 22292 Hamburg
FDP 
   Honnefelder Prof. Dr., Ludger Tel. 0228-735915 Fax 0228- 737419
      Philosophisches Seminar der
      Universität Bonn
      Lehr- und Forschungsbereich II
Am Hof 1 53113 Bonn
PDS 
   Luther Prof., Ernst Tel. 0345-8053619
Zerbster Straße 27 06124 Halle

Bundesjustizministerin will Patente auf Leben legalisieren

Neben Patenten auf Pflanzen und Tieren sollen künftig auch menschliche Gene und Teile des menschlichen Körper patentiert werden können. Das sieht ein Gesetzentwurf des Bundesjustizministeriums vor, der sich an einer Richtlinie der Europäischen Union orientiert. "Der Entwurf ist unzulässig, verantwortungslos und stellt einen Ausverkauf der Natur an die Gen-Konzerne dar", kritisiert Christoph Then von Greenpeace. Die Vorlage widerspricht nicht nur dem Patentrecht, erklärt der Gentechnik-Experte. Sie läuft auch EU-Vorschriften zuwider, weil sie Widersprüche, Unklarheiten und Lücken enthält. Insbesondere die Regelungen für Patente auf menschliche Gene sind widersprüchlich formuliert. In einem Artikel werden sie verboten, im anderen erlaubt. Die Folge ist Chaos."Die Industrie will aber genau das. Eine unklare Rechtslage passt ihr ins Konzept, um Patente auf Leben bis hin zum menschlichen Körper durchsetzen zu können", erklärt Christoph Then. Er fordert die Justizministerin Däubler-Gmelin auf, sowohl den Entwurf zurückzuziehen als auch die Umsetzung der EU-Richtlinie zu stoppen. Mit einer Entscheidung seitens des Bundestages zum Gesetzenwurf ist vorerst zwar nicht zu rechnen, da sich die Enquête-Kommission erst mit dem Thema befassen muss. Jedoch wäre es sinnvoll, wenn das BMJ, als auch die Mitglieder der Enquête Kenntnis davon erhielten, dass viele Menschen mit dem Umsetzungsentwurf nicht zufrieden sind und den Stopp des Umsetzungsprozesses fordern.

Richten Sie Protestschreiben an:

Bundesministerin der Justiz
Dr. Herta Däubler-Gmelin
Jerusalemer Straße 24-28

10117 Berlin

Den Wortlaut des Gesetzes zur Umsetzung der EU-Patentrichtlinie können Sie ab voraussichtlich Montag, den 15.05.2000 unter der Adresse www.fuente.de abrufen.


Montgomery, Dr. med. Frank Ulrich

Schöne Neue Welt: Muss man alles machen, was man kann?

Deutsches Ärzteblatt 97, Heft 18 vom 05.05.00, Seite A-1198

Fortschritt allein genügt nicht, es kommt auch auf die Richtung an.

Die Wissenschaft bewegt sich mit gewaltigen Schritten voran, natürlich nur nach vorne . . .? Wer hätte vor einigen Jahrzehnten von Gentherapie, Klonierung oder Prämplantationsdiagnostik (PGD = preimplantation genetic diagnosis) zu träumen gewagt? Doch, diese Träumer gab es. Es lohnt einmal wieder, Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" aus dem Bücherschrank zu nehmen. Eine Gruselfiktion der Zwanzigerjahre, visionär aus heutiger Sicht. Die Klonierung ist dort Routine, als "Bokanowsky-Verfahren" standardisiert und gesellschaftlich (angeblich) akzeptiert. Einen Schönheitsfehler hat das Ganze natürlich; anders als in der heutigen Realität verliert der Organismus beim Klonieren Kompetenz. Das Ideal also ist der ungeklonte Mensch, der, der nicht dem "Bokanowsky-Verfahren" unterzogen wurde und seine Individualität erhalten durfte. Je mehr Klon-Kopien es gibt, desto niedriger die soziale und intellektuelle Intelligenz der Individuen - so weit Huxley. Dahinter steht eine intellektuelle Attitüde, die der Individualität und dem Unterschied Raum lässt. Nicht die unterschiedslose Schönheit ist wahrhaft schön, sondern Schönheit kann man erst an der Bandbreite von häßlich bis göttlich wirklich ermessen. Von diesem Ideal entfernen wir uns zusehends. Uniformität ist gefragt, Krankheit anstößig und absondernd; nicht die Bandbreite menschlicher Individualität, sondern ihre Konformität mit gesellschaftlichen Normen soll mit Technikeinsatz erzeugt werden. Ein gutes Beispiel hierfür ist der "Diskussionsentwurf zu einer Richtlinie zur Prämplantationsdiagnostik", den der Vorstand der Bundesäztekammer (BÄK) unlängst vorgelegt hat. Nun wäre es sicher unfair, der BÄK vorzuwerfen, sie fördere an dieser Stelle den Technikeinsatz in der Medizin. Das tut sie nicht - sie reagiert lediglich auf wissenschaftliche Entwicklungen und versucht sie in ethische Dimensionen vor dem Hintergrund rasanter gesellschaftlicher Veränderungen zu stellen. Der Antrieb, der Impuls kommt von woanders - aus Forschertrieb, aus der Überlegung, kranken Menschen helfen zu wollen, aus Zukunftsgläubigkeit und auch aus materiellen Interessen. Das Embryonenschutzgesetz verbietet die Prämplantationsdiagnostik; die Manipulation an totipotenten Zellen ist verboten. Zusätzlich ist es nicht zulässig, erzeugte Embryonen nicht zu übertragen, also zu verwerfen. Eine groteske Ironie wäre es also, in der PGD als "krank" erkannte Embryonen gleichwohl übertragen zu müssen. Bei wenigen erbgebundenen Krankheitsbildern könnte PGD helfen. Notwendig wäre eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes. Der Diskussionsentwurf schlägt darüber hinaus "Ethikkommissionen" der Selbstverwaltung vor, die Genehmigungen zur PGD erteilen. !

Forschertrieb und Technikgläubigkeit

Seit einiger Zeit versucht die Wissenschaft, den Zeitraum der Totipotenz von Zellen für kürzer und kürzer zu erklären. Forschergruppen behaupten, schon ab dem 4-Zell-Stadium sei eine Totipotenz nicht mehr sicher. Zugleich gewinnt die moderne Fortpflanzungsmedizin immer mehr Spielräume zum erfolgreichen Übertragen von Embryonen, ein Fenster tut sich auf, die Zellen sind (angeblich) nicht mehr totipotent, die Übertragung ist noch möglich.

Altruistische Ideale

Unter dem Eindruck der großen Trauer von Familien, die das Risiko genetischer Fehler in sich tragen und oftmals schreckliche Leidensgeschichten von kranken oder sterbenden Kindern, späten Abtreibungen oder gar intrauterinen Fetoziden hinter sich haben, wollen Ärzte helfen und diesen Familien das Idealbild "gesunde Kinder" erfüllen. Es handelt sich dabei um nur circa 100 Paare per annum bundesweit, bei denen unter dieser Indikation eine PGD infrage käme. Sie müssten, obwohl sie auf natürlichem Wege zeugungsfähig sind, eine im Reagenzglas erzeugte Schwangerschaft - mit allen Risiken - ertragen, nur um den Embryo einer PGD unterziehen zu können. Verkürzt gesagt: Die technischen Risiken der In-vitro-Fertilisation (IVF) und PGD stehen hier den menschlichen (und auch ethischen) Problemen einer späten Abtreibung entgegen. Wahrlich, eine Auswahl zwischen Beelzebub und Teufel! Auf die einfache Idee, den Paaren von weiteren Schwangerschaften abzuraten, kommt man offensichtlich nicht. Kinderwunsch ist ein alle Mittel heiligendes Ziel - auch das ist angesichts der Irrationalitäten unserer Welt eine groteske gesellschaftliche Entwicklung.

Finanzielle Auswirkungen

Und natürlich tut sich in der PGD ein gewaltiges ökonomisches Potenzial auf. IVF und PGD sind aufwendige und teure Verfahren; sie werden in anderen Ländern, wo sie zulässig sind, auch unter ökonomischen Aspekten sehr gewinnbringend angeboten.

Ethischer Deichbruch!

Würde der Diskussionsentwurf zu einer Richtlinie zur PGD verabschiedet und Wirklichkeit, käme dies in meinen Augen einem ethischen Deichbruch gleich. Auch wenn ich sicher bin, dass die Autoren sich nur von den edelsten Motiven haben leiten lassen, so halte ich es doch für ausgeschlossen, die PGD auf die Paare begrenzen zu können, die erbgebundene Krankengeschichten vorweisen können. Vielmehr wird im Rahmen aller IVF-Maßnahmen die Frage gestellt werden müssen, inwieweit das Risiko der iatrogenen Übertragung "fehlerhafter" Embryonen überhaupt vertretbar ist. Über kurz oder lang werden bei allen IVF-Maßnahmen PGDs nötig sein. Und: Wie verweigert ein Arzt Paaren die PGD im Rahmen einer IVF? Müssen diese Paare erst selbst eine "genetische Leidensgeschichte" vorweisen, um in den "Genuss" der gewünschten exakteren Diagnostik zu kommen? Wäre es nicht - unter denselben pseudoaltruistischen Maximen - unmenschlich, ihnen diese Diagnostik vorzuenthalten? Hier tut sich nicht nur ein gewaltiger Markt für Ärzte auf - hier entstehen auch gewaltige Risiken für unsere Gesetzliche Krankenversicherung - es wird auf Dauer nicht möglich sein, IVF zwar zu bezahlen, PGD aber nicht.

Schliesslich: Sie haben es alle gelesen, die Entschlüsselung des menschlichen Genoms steht kurz vor ihrer Vollendung. Damit aber liegt eine mindestens abstrakte Genkarte vor, in der Aberrationen, Variationen und Strickmusteranomalien des Menschen beschrieben sind. Wer glaubt, diese Karte prognostiziere mit hundertprozentiger Sicherheit erbgebundene Krankheiten, der irrt. Einige wenige Krankheiten und ihre Ausprägung sind heute schon erkennbar, ganz überwiegend aber vermögen wir zwar die "Strickmusterfehler" der Natur zu erkennen, ihre Relevanz für das lebende Individuum aber nicht einzuordnen. Jeder von uns ist Träger solcher Anomalien - auch der Gesündeste! Der Grundgedanke der genetischen Selektion aber, dieses "Nichts-mehr-dem-Schicksal-überlassen-Wollen", der dem gesamten Verfahren nun einmal innewohnt, wird zu einer natürlichen Ausmerzung aller Anomalien führen. Wir sind auf dem direkten Weg zum "qualitätsgesicherten Kind". Welchem Arzt könnte man einen Vorwurf machen, wenn er Eltern eher zur Abtreibung (oder in unserem Fall zur Nichtübertragung des Embryos) raten wird, als sie zu bestärken, die Risiken im Vertrauen auf eine starke Natur in Kauf zu nehmen? Der Bundesgerichtshof hat uns in seiner Rechtsprechung klargemacht, dass fehlerhafte genetische Beratung schadensersatzpflichtig macht. Das kranke Kind wird zum "Schadensfall" - nicht der bedauernswerten Eltern, sondern des Arztes!

Fortpflanzungsmedizingesetz

Der Diskussionsentwurf der BÄK geht deswegen einen falschen Weg; in fehlgeleitetem Altruismus sprengt er ethische Dämme. Eine Begrenzung auf wenige Paare - wie vorgesehen - wird sich nicht durchhalten lassen. Ungewollt wird der genetischen Selektion die Tür geöffnet. Fortschrittsgläubigkeit macht blind vor den Risiken. Noch ist es an der Zeit gegenzusteuern. Deswegen hat der Vorstand der BÄK auch lediglich einen "Diskussionsentwurf" vorgelegt. Am Ende der Diskussion kann also durchaus auch das Einstampfen des Papiers stehen. Die Bundesregierung plant, das Embryonenschutzgesetz im

Lichte neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse zu überarbeiten. In einem Fortpflanzungsmedizingesetz müssten dann auch Fragen der IVF und der PGD geregelt werden.

Ich plädiere für ein Verbot der Prämplantationsdiagnostik.

Dr. med. Frank Ulrich Montgomery

Präsident der Ärztekammer Hamburg
Vorsitzender des Marburger Bundes

http://www.aerzteblatt.de/archiv/artikel.asp?id=22814